Donnerstag, 1. Dezember 2016

Altschneeproblem oberhalb von etwa 2600m im schattigen Gelände. Hochalpin ist zusätzlich auf kürzlich gebildete Triebschneeansammlungen zu achten.

Schneedeckenuntersuchungen der vergangenen Tage zeigen uns derzeit unterschiedliche Entwicklungen:

Das Hauptproblem lässt sich langsam etwas eingrenzen und besteht unverändert in einer möglichen Störung bodennaher Schwachschichten vornehmlich im schattigen Gelände oberhalb von rund 2600 m. Dies bestätigen neben dem Lawinenunfall im Ferwalltal auch teils große beobachtete Spontanauslösungen, Rückmeldungen über massive Setzungsgeräusche sowie aufgenommene Schneeprofile.
Im Gegensatz dazu sind Beobachtungen und Profile aus Lagen unterhalb von rund 2600 m sowie auch aus dem hochalpinen Südsektor als günstig zu bewerten.

Dieses Schneeprofil am Pitztaler Gletscher zeigt das gebietsweise sehr schwache Fundament der Schneedecke: kantige Formen und Becherkristalle bis zu 5 mm Durchmesser beidseitig der hier am 25.10. entstandenen Eislamelle (diese ist meist jedoch eher als Schmelzkruste zu sehen). Der Block (hauptsächlich durch Wind beeinflusster, harter, rundkörniger Schnee) brach beim ECT hier schon beim fünften Schlag, was als „schwach“ einzustufen ist.

Schneeprofil aus dem Sellraintal. Auch hier stellt eine dünne, aufbauend umgewandelte Schicht oberhalb der Schmelzkruste in Bodennähe die problematische Schwachschicht dar.

Große spontane Auslösungen wurden vornehmlich in hochalpinen Lagen der Zentralalpen (unter anderem am Hochfirst, am Aperen Freiger sowie am Habicht) dokumentiert – allesamt in einer Höhenlage zwischen 3000 und 3300 m in schattigem Steilgelände. Hier hat die starke Föhnperiode während der letzten Woche die Schneedecke einerseits durch massive Umlagerungen als auch durch Veränderung der Umgebungsbedingungen beeinflusst.

Große Spontanlawine am Mischbachferner auf der Nordseite des Habichts in den Südlichen Stubaier Alpen (Foto vom 28.11.)

Lawinenauslösung der anderen Art: Am Daunferner (Südliche Stubaier Alpen, Foto vom 29.11.) löste ein kleiner Felssturz ein Schneebrett aus.

Schneeprofil vom Pitztaler Gletscher – Brunnenkogel. Im Südsektor ist die Schneedecke auch hochalpin häufig stabil aufgebaut.

Schneeprofil aus den Tuxer Alpen. In mittleren Lagen besteht zumindest derzeit auch im schattigen Gelände wenig Grund zur Sorge.

Die Möglichkeiten für Skitouren sind derzeit vielerorts aber ohnehin stark eingeschränkt. In tiefen und mittleren Lagen liegt wenig bis kein Schnee. Darüber sind sowohl Felsen als auch Gletscher und deren Spalten meist nur bedingt eingeschneit. Dort, wo Schnee liegt, ist die Schneeoberfläche markant geprägt durch den starken Windeinfluss des Föhnsturmes beziehungsweise unterhalb von etwa 2600 m oft auch hart beziehungsweise vereist durch Wärme und Regen. Etwas besseren Schnee findet man am ehesten in Osttirol, wo der Wind während Südföhnperioden naturgemäß deutlich weniger Einfluss hat.

Ein Bild aus den Lechtaler Alpen, bezeichnend auch für die anderen Regionen der Nordalpen. Die Schneedecke setzt sich hier aus runden Formen beziehungsweise Schmelzformen zusammen, Schwachschichten werden derzeit noch nicht beobachtet. Für den weiteren Winterverlauf werden die Prozesse im Bereich der Schmelzkrusten aber im Auge zu behalten sein.

Durch Winderosion freigelegte Skispuren im Bereich der Wildspitze (Südliche Ötztaler Alpen). Die Abfahrtsfreuden halten sich wohl eher in Grenzen.

Wenig windbeeinflusste und gebietsweise noch pulvrige Schneeoberfläche in Osttirol (Foto vom 30.11., Lasörlinggruppe). Eingezeichnet sind Gleitschneelawinen auf einem steilen, grasigen Rücken.

Übersichtsfoto Lawinenunfall Granatenkogel - Ferwalljoch

Hier noch ein Überblicksbild, auf dem man die Verschüttungsstellen samt Profilstandorten erkennt. Sämtliche Schneeprofile findet man hier.

Die Markierungen zeigen einerseits die Profilstandorte samt deren Seehöhe, andererseits die Verschüttungsstellen. Die 4. von der Lawine erfasste Person befand sich am orographisch rechten Lawinenrand und wurde nicht verschüttet. Der gelb eingezeichnete Profilstandort stellt auch jenen Standort dar, bei dem die Gruppe vor dem Lawinenabgang ein Profil erhob.

Anhand der Hangneigungskarte kann man erkennen, dass die Lawine eine große Distanz im relativ flachen Gelände überwand. Die grünen Markierungen zeigen die Verschüttungsstellen, die blauen Fähnchen die Profilstandorte. Die Gesamtlänge der Lawine betrug ca. 1000m.


Bei dem Lawinenunfall ist inzwischen eine zweite Person ihren Verletzungen erlegen.

Montag, 28. November 2016

Analyse des tödlichen Lawinenunfalls unterhalb des Granatenkogels und Ferwalljochs in den Südlichen Ötztaler Alpen

Gestern am 27.11. waren wir gemeinsam mit der Alpinpolizei und Sachverständigen beim Unfallort. Hier in Kürze die wichtigsten Details:

Eine 10-köpfige, geführte Gruppe ging auf Tour ins Ferwalltal in den Südlichen Ötztaler Alpen. Zu Beginn der Tour am Eingang des Ferwalltals lag noch wenig Schnee.

Am Eingang des Ferwalltals in den Südlichen Ötztaler Alpen (Foto: 27.11.2016)

Im hinteren Tal nahm die Schneehöhe dann deutlich zu.

Im hinteren Ferwalltal. Deutlich zu sehen ist die Schneehöhenzunahme (Foto: 27.11.2016)

Im hinteren Talbereich rastete die Gruppe und erstellte in gering geneigtem Gelände ein Schneeprofil. Man entschied sich daraufhin, in Abständen weiter taleinwärts zu gehen. Kurz darauf vernahm die Gruppe ein Setzungsgeräusch. Unmittelbar danach wurden vier Personen der Gruppe von einer großen Schneebrettlawine erfasst. Die Schneebrettlawine brach weit oberhalb der Gruppe und entwickelte sich in der zum Teil extrem steilen Sturzbahn zu einer sehr schnellen Staublawine. Durch die Wucht der Lawine wurden die Personen mitgerissen, eine davon befand sich im Randbereich. Die Rettungsaktion verlief sehr professionell. Dennoch verstarb eine Person aufgrund mechanischer Verletzungen noch am Unfallort. Eine weitere Person wurde lebensbedrohlich verletzt. Die anderen erlitten ebenso Verletzungen.

Der rote Kreis zeigt in etwa den Bereich jener vier Personen, die von der Lawine erfasst wurden. Die Pfeile symbolisieren die Sturzbahn der von oben auf die Gruppe rasende Schneebrettlawine. (Foto: 27.11.2016)

Im Zuge der Erhebungen erstellten wir an zahlreichen Stellen Schneeprofile und führten Stabilitätstests durch. Offensichtlich war, dass es sich um ein Altschneeproblem handelte. Als Schwachschicht diente eine dünne, kantige Schicht auf kompaktem Schnee von Mitte September. Diese wurde durch die Belastung der Tourengeher wohl an einer schneearmen Stelle gestört.

Am Bild erkennt man die Schwachschicht. Die Schwachschicht ist zwischen einer oberhalb befindlichen, sehr dünnen und einer unterhalb befindlichen dicken und sehr harten Schmelzkruste eingebettet. Im extrem steilen, kammnahen Anrissbereich erfolgte der Bruch dann teilweise auch unterhalb der (dann dünner ausgeprägten Schmelzkruste vom September), unter der sich auch kantige Kristalle befanden. (Foto: 27.11.2016)

Der durch die Gruppe initiierte Bruch pflanzte sich dann nach oben hin über eine Distanz von geschätzten 800m fort. In Folge löste sich im extrem steilen Gelände die Schneebrettlawine.

Ein Blick in das Anrissgebiet. Die Lawine wurde in etwa in diesem Bereich in einer Seehöhe von etwa 2700m von vier Personen ausgelöst. (Foto: 27.11.2016)

Anrisshöhen von bis zu 2,5m (Foto: 27.11.2016)

Leider stellt sich somit heraus, dass das vom Frühwinter bekannte Altschneeproblem in hochalpinen, vornehmlich schattigen Regionen, dort wo sich Septemberschnee halten konnte, sehr ernst zu nehmen ist. Die hohe Störanfälligkeit überraschte uns! Wir werden während der kommenden Tage Schneedeckenuntersuchungen in großen Höhen auch in den anderen Expositionen durchführen, um ein klareres Bild über das Altschneeproblem zu erhalten.

Samstag, 26. November 2016

Tödlicher Lawinenunfall im Ferwalltal in den Südlichen Ötztaler Alpen

Laut Information der Alpinpolizei löste eine niederländische Tourengruppe im Ferwalltal in den Südlichen Ötztaler Alpen am frühen Nachmittag eine Lawine aus. Eine Person wurde total verschüttet und verstarb, zwei Personen wurden schwer verletzt. Morgen am 27.11. werden wir gemeinsam mit der Alpinpolizei und einem Sachverständigen vor Ort sein und die näheren Umstände, die zum Unfall geführt haben, erheben.

Fest steht derzeit einzig, dass die Lawine in jenem Gebiet ausgelöst wurde, in dem während der vergangenen Woche tirolweit unter starkem Föhneinfluss am meisten Schnee gefallen ist (sh. vorigen Blogeintrag.).

Nähere Details zum Unfall werden spätestens am Montag, den 27.11. veröffentlicht werden.

Die Einrahmung zeigt den ungefähren Unfallort im hinteren Ferwalltal an. Auf der Karte rechts oben erkennt man das Timmelsjoch, den hotspot der vergangenen Niederschlagsperiode.

Freitag, 25. November 2016

Ende der Föhnperiode, teils positive Entwicklung innerhalb der Schneedecke

Seit dem letzten Eintrag am Montag (21.11.) weht im Gebirge durchgehend Südföhn. Nach seinem Höhepunkt mit verbreiteten Orkanböen am Montag gingen die Windgeschwindigkeiten zwar zurück, die Woche verlief aber dennoch vielerorts recht windig und in besonders föhnanfälligen Lagen, wie etwa der Brennergegend oder um den Reschenpass, auch stürmisch. Dabei lag die Nullgradgrenze meist zwischen 2500 und 2700 Metern.

Verlauf der Station Elferspitze (Stubaier Alpen). Neben der gleichmäßig hohen Temperaturen und des föhnigen Südwindes lässt sich aufgrund der relativ niedrigen Strahlungswerte auf einen meist bewölkten Himmel schließen.

 Zeitrafferaufnahmen mit Blick ins Stubaital (20.11.). Erkennbar sind neben der mächtigen Föhnmauer hinter Habicht und Serles auch die von den Kämmen herabziehenden Schneefahnen, die auf Föhnsturm bei noch lockerem Pulverschnee hinweisen.

Webcamaufnahmen vom Schlegeisspeicher (Zillertaler Alpen) mit Blick nach Süden. Oberes Bild vom 21.11., unteres Bild vom 25.11. – der Schnee schwindet dahin. Bei ersterer Aufnahme sind die ausgeprägte Föhnmauer sowie der daraus fallende Niederschlag (am Standort als Regen, bis ca. 2000 m als Schnee) direkt am Alpenhauptkamm zu erkennen.

Die Schneedecke wurde unterhalb von 2100 – 2400 m arg in Mitleidenschaft gezogen und schmolz darunter vielerorts wieder ab. Direkt entlang des Alpenhauptkammes fiel insbesondere bis Mittwoch oberhalb von ca. 2100 m immer wieder Schnee aus der von Süden angestauten Bewölkung. Aufgrund des starken Windes und mangels Stationen ist die Neuschneemenge schwer festzustellen, dürfte aber meist zwischen 10 und 30 cm, nur wenige Kilometer abseits des Hauptkammes blieb es bei einzelnen, vom Wind verfrachteten Flocken.
Die bei der Anströmung aus Süd perfekt angestaute Region rund um das Timmelsjoch (etwa von der Hochwilde bis zum Zuckerhütl / Südliche Ötztaler- und Stubaier Alpen) bekam sehr lokal begrenzt sogar markante Neuschneemengen von bis zu 130 cm ab, wie sowohl von Stationen auf Südtiroler Boden als auch Beobachtermeldungen bestätigt wird.
Die Vorhersage des SNOWGRID-Schneedeckenmodells zeigte die räumliche Verteilung der starken Schneefälle und den starken Gradienten vom Hauptkamm ins Gurgler Tal im genannten Gebiet bestechend gut an, die Mengen wurden vom Modell etwas unterschätzt.
 
48h-Neuschneeprognose von SNOWGRID. Beachtlich ist die gut erkannte, lokale Abgrenzung des Ereignisses.

Die Entwicklungen innerhalb der Schneedecke sind meist positiv zu werten. Hohe Temperaturen und Regen bis 2800 m leiteten am 16.11. eine Erwärmung und Durchfeuchtung der bis dahin noch kalten Schneedecke ein. Mittlerweile ist die Schneedecke bis mindestens 2700 m hinauf weitgehend durchfeuchtet. Aufbauende Prozesse wurden gestoppt und aus bis dahin entstandenen, aufbauend umgewandelten Formen entwickelten sich Schmelzformen. Die Schneedecke ist hier weitgehend spannungsarm, nur hochalpin gilt es auf störanfällige Triebschneepakete zu achten. Genauere Informationen aus hochalpinen Gebieten werden wir bis Mitte der kommenden Woche einholen und veröffentlichen.

Schneeprofil aus dem Sellraintal (Nördliche Stubaier Alpen). Alte Schwachschichten wurden weitgehend aufgebaut, für die weitere Entwicklung interessant werden könnte die Schicht unter der Eislamelle (vom Regen am 16.11.) bei 52 cm.

Kurz zur weiteren Entwicklung: auch morgen Samstag (26.11.) bleibt es noch leicht föhnig, am Sonntag gelangt von Norden her kältere Luft zu uns. Etwas Neuschnee ist dabei möglich. Bis Mitte nächster Woche stellt sich dann freundliches Wetter bei frühwinterlichen Temperaturen ein.