Mittwoch, 20. Juli 2016

Sommerpause – kurzer Rückblick auf die vergangene Wintersaison

Der Lawinenwarndienst Tirol befindet sich in der Sommerpause. Aktualisierungen des Blogs erfolgen bis auf weiteres nur, wenn es auf den Bergen außergewöhnlich viel schneit.

Hier noch schnell ein kurzer Rückblick auf die vergangene Wintersaison:

- Der Winter begann außerordentlich spät.
- Die Schneehöhen waren vielfach (deutlich) unterdurchschnittlich.
- Die Temperaturen lagen um 2,7 Grad über dem Durchschnitt.
- Inneralpin hatten wir fast 3 Monate lang ein ausgeprägtes Altschneeproblem,
- während im Norden häufig recht stabile Verhältnisse vorherrschten.
- 8 Lawinenopfer

Verteilung der Lawinenereignisse während der Wintersaison 2015-2016. Die meisten der inneralpinen Lawinenabgänge hatten mit einer bodennahen Schwachschicht vom Frühwinter zu tun © Hans Seiwald

Die Gefahrenmuster gm.1 (bodennahe Schwachschicht vom Frühwinter) und gm.6 (lockerer Schnee und Wind) wurden am häufigsten ausgegeben; ebenso passierten dort die meisten Lawinenereignisse. gm.1 spiegelt das ausgeprägte Altschneeproblem wieder. © Hans Seiwald

Die meisten Lawinen wurden im Sektor NO ausgelöst. Häufig war das Gelände sehr steil. © Hans Seiwald

Prozentuelle Gefahrenstufenverteilung für Tirol unter Berücksichtigung der am Vormittag ausgegebenen Gefahrenstufe. © Hans Seiwald

Wir wünschen einen angenehmen Sommer und freuen uns bereits jetzt schon auf die kommende Wintersaison 2016-2017! Ab dann werden wir an dieser Stelle wieder möglichst aktuell und anschaulich über die Verhältnisse im Gelände berichten.

Die bodennahe Schwachschicht begleitete uns bis in den Juni hinein. Hier zwei spontane Schneebrettlawinen, die sich unterhalb der Östlichen Seespitze in den Nördlichen Stubaier Alpen spontan gelöst haben.

Freitag, 3. Juni 2016

Vermehrte spontane Lawinenaktivität im Juni (!) durch fortschreitende Durchnässung der Schneedecke in hohen und hochalpinen Regionen!

Das anhaltend feuchtschwüle Wetter mit kleinräumig zum Teil intensiven Regenfällen bis in den 3000m-Bereich führt derzeit zu einer fortschreitenden und tiefgründigen Durchnässung der Schneedecke in hohen und hochalpinen Bereichen.

Dadurch dringt Wasser nun auch vermehrt bis in bodennahe Schwachschichten vor, welche sich im Frühwinter gebildet haben. Die Folge können vermehrte spontane Lawinen mittleren, vereinzelt auch großen Ausmaßes sein. Am ehesten betroffen ist sehr steiles Gelände im Nordsektor oberhalb etwa 2600m, aber auch besonntes, vergletschertes Gelände, dies v.a. in den Regionen entlang des Alpenhauptkammes, teilweise auch noch in den nördlichen Stubaier Alpen.

Selbst haben wir aus Tirol nur vereinzelte Rückmeldungen über spontane Lawinenabgänge während der vergangenen Tage erhalten, was wohl auch damit zusammenhängt, weil sich zur Zeit nur wenige Personen in den besagten Bereichen aufhalten. Hingegen wissen wir von unseren Salzburger Kollegen, dass einige, zum Teil auch große Lawinen kürzlich von selbst abgegangen sind.

Spontane Lawine unterhalb der Haidenspitze in den Nördlichen Stubaier Alpen (Foto: 31.05.2016)

Wer seine Skier noch nicht im Keller verstaut hat, der kann sich derzeit auch auf Höhenbereiche unterhalb etwa 2400m dort konzentrieren, wo noch Schnee liegt. Man findet hier inzwischen einen meist gut gesetzten und entsprechend kompakten Sommerschnee, der nur in Ausnahmefällen lawinentechnisch Probleme bereiten sollte: Vorstellbar ist dies dort, wo dieser Schnee auf glatten, steilen Wiesenflächen oder aber auf glatten Felsplatten lagert und darauf mitunter abrutschen könnte.

Das Frühjahr mit saftigen, grünen Wiesen und die bereits fortgeschrittene Jahreszeit sollten also nicht vor einer, in größeren Höhen immer noch vorhandenen Lawinengefahr ablenken. Die Situation ändert sich während der kommenden Woche aufgrund des weiterhin eher feuchten Wettercharakters nicht.

Eine nächste Aktualisierung des Blogs erfolgt bei einer gravierenden Änderung der Lawinensituation, bei besonderen Vorkommnissen sowie interessanten Entwicklungen.

Freitag, 13. Mai 2016

Pfingsten steht im Zeichen der Eisheiligen

Laut ZAMG-Wetterdienststelle steht Pfingsten heuer im Zeichen der Eisheiligen. Es soll kalt, windig und unbeständig werden. Die Schneefallgrenze wird sich meist um 1500m einpendeln. Etwas wetterbegünstigt, jedoch windig soll es in Osttirol sein.

Wintersportler, die es dennoch in die Höhe zum Skitourengehen zieht, sollten im Wesentlichen auf vier mögliche Problembereiche achten:

- Meist kleinräumige, frische Triebschneepakete in hohen und hochalpinen, vermehrt kammnahen Bereichen.

- Lockerschneelawinen dort, wo nach den Schneefällen die Sonne bzw. diffuse Strahlung wirkt.

- Schattseitig findet man oberhalb etwa 2400-2500m, sonnseitig inzwischen v.a. in hochalpinen Bereichen (über etwa 3000m) noch bodennahe Schwachschichten vom Frühwinter. Bei fortschreitender Durchfeuchtung bzw. Durchnässung können diese (derzeit meist recht gut verbundenen) Schichten wieder an Festigkeit verlieren. Vermehrt aufpassen heißt es überall dort, wo die Schneedecke in diesen Höhenbereichen derzeit schon bis zum Grund durchfeuchtet ist bzw. dann bei neuerlichem, kräftigen Wärmeeintrag, was wohl erst nach Pfingsten der Fall sein wird.

- Bei Schneefällen im Frühjahr lagern sich immer wieder Graupelschichten ein. Dort, wo diese mehrere cm dick sind, können sie eine mögliche Schwachschicht für Schneebrettlawinen bilden. Eine ähnliche Situation hatten wir vergangenes Wochenende, als einige Wintersportler oberflächennahe Schneebretter ausgelöst hatten. Unserem Informationsstand dürfte es sich dabei zu einem Großteil um eingelagerten Graupel gehandelt haben.

Unterwegs in den Nördlichen Stubaier Alpen. Spontane Schneebrettlawinen mit einer oberflächennahen Schwachschicht. Es handelte sich dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit um Graupel. (Foto: 06.05.2016)

Lawinenauslösung unterhalb der Weißseespitze am 05.05. in den Südlichen Ötztaler Alpen. (Foto: 06.05.2016)

Lawinenauslösung unterhalb des Gamezkogels, Nahbereich des Sulzkogels in den Nördlichen Stubaier Alpen. (Foto: 05.05.2016)

So spät im Frühjahr wirkt die Strahlung nach Schneefällen besonders rasch auf die Schneedecke ein. In kurzer Zeit können vermehrt nasse Lockerschneelawinen, in vormals windbeeinflussten Bereichen mitunter auch spontane, oberflächennahe Schneebrettlawinen abgehen. Jamtal in der Silvretta am 04.05.2016

Eine nächste Aktualisierung des Blogs erfolgt bei einer gravierenden Änderung der Lawinensituation, bei besonderen Vorkommnissen sowie interessanten Entwicklungen. Inzwischen wünschen wir eine schöne und sichere Zeit im Schnee.

Samstag, 7. Mai 2016

Schattseitig gebietsweise oberflächennahe Schwachschicht beachten

Tageszeitliche Durchfeuchtung und nächtliche Ausstrahlung versprechen derzeit vielerorts gute Bedingungen (mit tollem Firn in besonnten Hängen) bei frühzeitiger Abfahrt.

Wichtig erscheint uns jedoch, darauf hinzuweisen, dass sich oberhalb der Anfang April entstandenen Saharastaubschicht schattseitig in Höhenbereichen zwischen etwa 2500-2800m inzwischen teilweise, störanfällige, kantige Schichten gebildet haben. Entsprechende Rückmeldungen haben wir heute am 06.05. von den Osttiroler Tauern erhalten. Selbst konnten wir am 04.05. in der Silvretta auf ca. 2600m schattseitig oberhalb dieser Saharastaubschicht zwar beginnende  aufbauende Umwandlung  feststellen, jedoch zeigten unsere Stabilitätstests keine besorgniserregenden Ergebnisse.

Bei Unsicherheit reicht ein rascher Blick in die Schneedecke bzw. Verzicht auf sehr steiles Gelände in diesen Höhenbereichen (vorstellbar ist dieser Prozess auch über ca. 3000 m in besonnten Hängen, dürfte jedoch eher kaum mehr zu Problemen führen).

Zusätzlich sollte natürlich allgemein auf die zunehmende Durchfeuchtung und den dadurch bedingten Festigkeitsverlust der Schneedecke geachtet werden.

Freitag, 29. April 2016

Nach winterlichen Verhältnissen stellt sich wieder eine Frühjahrssituation ein

Die vergangenen Tage waren in der Höhe tief winterlich. Die Berge zeigten sich dabei zum Teil so verschneit, wie den ganzen Winter nicht.

Tief verschneit präsentiert sich die Grubenwand in den Nördlichen Stubaier Alpen (Foto: 28.04.2016)

Am kräftigsten schneite es in Osttirol. (Osttiroler Tauern bis zu 50cm). Das Foto wurde am Weg zum Hochstein oberhalb von Lienz aufgenommen. (Foto: 27.04.2016)

Trotz des bis zum 27.04. meist starken Windes konnte man in größeren Höhen doch auch tollen Pulverschnee genießen.

Ein Pulvertraum im Tourengebiet der Franz-Senn-Hütte (Foto: 28.04.2016)

Nun beginnt die Temperatur bei allgemein kräftiger Sonneneinstrahlung zu steigen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie rasch die Schneedecke um diese Jahreszeit nach einer überdurchschnittlich kalten Zeit wieder feucht wird.

Auffallend: Neuschneezuwachs am 27.04. (Die Schneestation war die Tage zuvor bereits ausgeapert, was man auch gut anhand der positiven Oberflächentemperatur erkennt.) Neuschneezuwachs am 27.04. und eine sternenklare Nacht vom 27.04. auf den 28.04. ließen die Schneeoberflächentemperatur in den Keller rasseln: -20°!) Heute am 29.04. steigt die Temperatur deutlich an. In kürzester Zeit erreichte die Schneeoberflächen wieder eine Temperatur von 0°C.

Bereits gestern am 28.04. wirkte sich der Strahlungseinfluss auch auf die Lawinentätigkeit aus. Aus felsigem Gelände gingen immer wieder Lockerschneelawinen ab.

Lockerschneelawinen in den Südlichen Stubaier Alpen (Foto: 28.04.2016)

Hochalpin konnte man die kürzlich gebildeten Triebschneepakete, v.a. im extrem steilen Gelände noch stören. Dies bestätigte sich u.a. unterhalb der Westlichen Schwarzenbergspitze in den Stubaier Alpen, wo Wintersportler während des Aufstiegs eine Schneebrettlawine auslösten. Es war wohl einiges an Glück im Spiel, dass dabei niemand zu Schaden gekommen ist.

Lawinenauslösung in einem extrem steilen NO-Hang auf ca. 3300m unterhalb der Westlichen Schwarzenbergspitze (Foto: 28.04.2016)

Ein Vorteil während des Frühjahrs besteht u.a. auch darin, dass sich oberflächennahe Schwachschichten relativ rasch mit den umliegenden Schichten verbinden. Gestern am 28.04. war dies v.a. unterhalb von 3000m sehr gut festzustellen.

Ein Blick auf die Schneeoberfläche: Eine Abfolge von weicheren und härteren Schichten, die – wie hier am Bild auf ca. 2600m SO-seitig - leicht durchfeuchtet und untereinander bereits gut verbunden waren. (Foto: 28.04.2016)

Bei diesem, von unserem Beobachter Lukas Ruetz aufgenommenen, Profil erkennt bei 109,5cm eine dünne, leicht aufbauend umgewandelte Schicht oberhalb der Saharastaubschicht. Die Verbindung ist gut. Der Prozess der aufbauenden Umwandlung (Gefahrenmuster 4 = kalt auf warm) ist inzwischen durch die steigenden Temperaturen und die Schneeauflage gestoppt worden. Wichtig erscheint bei dem Profil die bodennahe Schwachschicht, die bei fortschreitender Durchnässung der Schneedecke wieder aktiviert werden kann.

Ergänzend zum vorigen Profil unten noch eines, welches wir am 28.04. auf Gletschereis aufgenommen haben.


Man erkennt auch dort mögliche, bodennahe Schwachschichten, die derzeit zwar unproblematisch sind, dann aber v.a. zum Problem werden können, wenn freies Wasser eindringt.

Solche möglichen Schwachschichten findet man derzeit v.a. in den Stubaier, Ötztaler, Tuxer und Zillertaler Alpen schattseitig oberhalb etwa 2400m-2500m, in besonnten Hängen oberhalb etwa 3000m. Es handelt sich dabei um ein Relikt der während des Winters so dominierenden, bodennahen Schwachschicht(en). Dies gilt es bei der Tourenplanung im Monat Mai prinzipiell nicht ganz außer Acht zu lassen.

Zur Erinnerung ein Bild vom 20.04.2016, als nach intensiven Schneefällen Schneebretter im hochalpinen Gelände bis zum Boden abgegangen sind. Südliche Ötztaler Alpen.

Neben der Durchfeuchtung können auch außergewöhnliche Belastungen Brüche im Altschnee verursachen. Denkbar sind neben großen Neuschneezuwächsen u.a. auch Wechten- oder Eisbrüche.

Vor einem Monat verursachte ein Eisbruch unterhalb der Liebenerspitze eine Lawinenauslösung im Altschnee (Foto: 28.03.2016)

Bei einer bereits durchfeuchteten, bodennahen Schwachschicht reichte z.B. bei einem Lawinenabgang unterhalb des Hoadl in der Axamer Lizum am 20.04. auch das Gewicht einer Dachlawine für die Auslösung einer Schneebrettlawine im schattigen Steilgelände auf 2320m aus. (sh. Blogeintrag).

Eine bodennahe, bereits etwas durchfeuchtete Schwachschicht wurde durch den Impuls einer Dachlawine derart gestört, dass sich folglich eine Schneebrettlawine löste (Foto: 20.04.2016)

Zusätzlich zu den vorigen Ausführungen hier noch kurz ein paar Merkhilfen für das Frühjahr:

Neuschnee reagiert besonders rasch auf Wärmeeintrag. Nach Neuschneefällen im Frühjahr wird man deshalb häufig Lockerschneelawinen beobachten können. Nach Neuschnee und Wind sind mitunter auch spontane Schneebrettlawinen v.a. aus besonnten Hängen möglich.

Werden Schwachschichten in der Altschneedecke erstmals durchnässt, kommt es zu einem massiven Festigkeitsverlust. Hingegen wirkt sich eine oftmalige Abfolge von Durchnässung und Wiedergefrieren schlussendlich positiv auf die Schneedecke aus (Endprodukt: stabiler Sommerschnee).

Während einer klaren Nacht kann sich die am Tag durchfeuchtete Schneedecke zumindest oberflächig verfestigen. Je trockener und kühler die Luft und je klarer die Nacht, desto günstiger ist die Lawinensituation am Morgen. Es besteht dann allerdings häufig erhöhte Absturzgefahr auf der harten Schneeoberfläche.

Eine gute Zeiteinteilung, das heißt ein früher Start und eine rechtzeitige Abfahrt (nach einer klaren Nacht) erhöhen nicht nur die Sicherheit, sondern garantieren häufig auch die bessere Schneequalität.

Hier noch ein paar weitere Eindrücke, welche zeigen, dass das Frühjahr nicht mehr aufzuhalten ist…

Immer häufiger zu beobachten: Murmeltiere

Ein Fuchs auf Streifzug…

Schnee weicht der grünen Wiese (Foto: 28.04.2016)

Lawinenreste im Kaunertal (Foto: 20.04.2016)

Schneebrücken über den Bächen werden weniger und brüchiger

Heute am 29.04. beenden wir die tägliche Erstellung des Lawinenlageberichtes. Bei einer gravierenden Änderung der Lawinensituation, bei besonderen Vorkommnissen sowie interessanten Entwicklungen werden wir jedoch fallweise Informationen zur Lawinensituation ausgeben und selbstverständlich in diesem Blog näher darauf eingehen.