Dienstag, 24. April 2012

Am Wochenende lösten einige Wintersportler Lawinen aus. Das Hauptproblem bildeten frische, kammnahe Triebschneepakete sowie Lockerschneelawinen

Das wechselhafte Aprilwetter mit Schneefall, Wind und kurzen Schönwetterfenstern führte v.a. dazu, dass sich im Hochgebirge frische, zum Teil störanfällige Triebschneepakete bildeten.
 
Immer wieder zum Teil auch beachtliche Neuschneesummen im Hochgebirge...
 
Am Wochenende störten einige Wintersportler solche Triebschneeansammlungen im sehr steilen bis extrem steilen kammnahen Gelände. Am Wannig in den Westlichen Nordalpen wurden dadurch zwei Skitourengeher unbestimmten Grades verletzt.
 
Schönwetter am Samstag lockte viele Skitourengeher ins Freie. Hier am Weg zum Wannig, wo ca. 2 Stunden später kurz unterhalb des Grates ein Schneebrett ausgelöst wurde. (Foto: 21.04.2012 ca. 09:45 Uhr)
 
Hier ein Foto nach dem Lawinenabgang. Die Lawine wurde kurz unterhalb des Grates ausgelöst (auf dem Foto nicht einsehbar). Der Bruch pflanzte sich über den Rücken fort, sodass die Lawine schlussendlich aus drei Ästen bestand. Die Personenansammlung (mit den Verletzten) zeigt den linkesten Ast. (Foto: 21.04.2012)
 
Am 23.04. war ich gemeinsam mit einem Alpinpolizisten vor Ort, um die näheren Umstände zu erkundschaften. Das Gelände ist im oberen Bereich extrem steil, also stellenweise über 40°, im Auslösebereich 42°, kammnah samt frischem Triebschnee. Die Normalroute, die vor dem Lawinenabgang bereits völlig verspurt war, führt in Aufstiegsrichtung gesehen rechts.
 
Die normale, häufig begangene Aufstiegsroute. Ca. 1 Stunde später wurde die Lawine in dem in Aufstiegsrichtung gesehenen linken, schattigen, am Foto noch unverspurten Hang ausgelöst. (Foto: 21.04.2012 vor dem Lawinenabgang)
 
Zum Auslösezeitpunkt befanden sich mehrere Personen unmittelbar hintereinander kurz unterhalb des am unteren Bild befindlichen Rückens, wo die Lawine ausgelöst wurde.
 
Die von der Normalroute abweichende Aufstiegsspur samt Lawinenanriss, beide durch Neuschnee vom Sonntag, den 22.04. etwas überschneit  (Foto: 23.04.2012)
 
Man erkennt einen Teil des Lawinenanrisses. Die Lawine wurde im obersten Bereich ausgelöst.  (Foto: 23.04.2012)
 
Blick vom obersten Lawinenanriss in Richtung Aufstiegsspur und Kar. (Foto: 23.04.2012)
 
Als Gleitfläche der Lawine diente eine wenig ausgeprägte, dünne kantige Schicht auf einem dünnen Schmelzharschdeckel. (Gefahrenmuster: „kalt auf warm"). Die Schicht ist aufgrund großer Temperaturunterschiede zwischen einer vormals feuchten Altschneeoberfläche und dem darüber gelagerten, sehr kalten Neuschnee entstanden. Stabilitätstests zeigten einen glatten Bruch, allerdings auch die Notwendigkeit großer Zusatzbelastung. Die Auslösung erklärt sich aufgrund der bisherigen Ungestörtheit der Schneedecke (abseits der normalen Aufstiegsroute) sowie der großen Zusatzbelastung im extrem steilen Gelände.
 
Schneeprofil beim Lawinenanriss
 
Als weitere Gleitflächen für Schneebrettlawinen kommen und kamen v.a. die Grenzfläche zwischen kaltem, lockeren Neuschnee und Triebschnee sowie vereinzelt kammnaher Oberflächenreif im schattigen Steilgelände (Nigg-Effekt) in Frage.
 
Ein spontanes Schneebrett im kammnahen, sehr steilen Gelände beim Zwieselbacher Rosskogel, Nördliche Stubaier Alpen; Gleitfläche ungewiss, vermutlich jedoch Oberflächenreif (Foto: 21.04.2012)
 
Ansonsten beobachtete man einige Lockerschneelawinen (teilweise auch mit längeren Auslaufbereichen).
 
Von einem Wintersportler ausgelöste Lockerschneelawine unterhalb der Schöntalspitze in den Nördlichen Stubaier Alpen (Foto: 21.04.2012)
 
Unterhalb des Glungezers in den Tuxer Alpen wurde ein Erkundungsflug des C1 in die Wege geleitet, weil nicht sicher war, ob eine abfahrende Person durch die von ihm ausgelöste Lockerschneelawine verschüttet wurde.
 
Die Lockerschneelawine unterhalb des Glungezers mit der Ausfahrtsspur des Skitourengehers (Foto: 21.04.2012)
 
Meist überwiegte jedoch nicht die Gefahr, sondern der Spaß...
 
Pulvertraum unterhalb der Torspitze in den Tuxer Alpen (Foto: 21.04.2012)

1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für die ausführliche Nachuntersuchung am Hochwanig. Aus unserer Gruppe wurden 6 Leute von der Lawine erfasst und 2 zur Vorsicht ins KH geflogen. Ich war einer von Ihnen, bin aber mit Außenbanddehnung am Knie und Schleudertrauma im HWS-Bereich glimpflich davongekommen, nachdem ich in der Sturzphase bereits Schnee inhaliert hatte. Bei 2 weiteren Teilnehmern wurde ein Kreuzbandriss diagnostiziert. Mich interessiert verständlicherweise eine Nachbetrachtung aus Risiko-Management Sicht. LLB Stufe 1 unterhalb 2200m, drüber 2. Gefahrenstellen hauptsächlich in Steilhängen und Kammlagen aller Expositionen oberhalb etwa 2200m. Wir waren auf ca. 2000m zu neunt lose über den Hang verteilt, Abstände 10 - 50m, Steigung noch deutlich unter 30°. Ein Teil der Gruppe hatte auch bereits beschlossen, die Steilrinne nicht mehr zu gehen. Sie war von unserem Standpunkt aber noch nicht einsehbar. Oberhalb von uns waren ca. 10-15 Leute unterwegs. Unser Fehler war, nicht einzurechnen, dass eine Auslösung dort oben auch uns in Gefahr bringen könnte. Es gibt in diesem Blog wohl keine Schuldzuweisungen, aber es war wohl extrem leichtsinnig, bei a) extrem steil (42°) b) Triebschnee unverspurt c) kammnah d) Höhe ca. 2200m e) mit mehreren Personen unmittelbar hintereinander in die linke Steilflanke zu gehen, vermutlich weil man einen noch unverspurten Teil der Hangs nutzen wollte. Über das Verhalten der Verursacher-Gruppe beim Vorbeifahren an den Verunglückten werde ich mich noch separat äußern.
    FN

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