Montag, 17. Oktober 2016

Analyse des tödlichen Lawinenunfalls unterhalb des Olperers vom 16.10.2016

Zwei einheimische Bergsteiger wollten am 16.10. in den Zillertaler Alpen von der Wildlahnerscharte aus den Olperer besteigen. Sie bewältigen dabei den extrem steilen Nordhang mit Steigeisen ohne Probleme und querten von dort zum Nordgrat, der zum Gipfel führt. Kurz unterhalb des Gipfels drehten sie um. Während des Abstiegs gingen sie in Abständen denselben Hang hinunter. Dabei löste sich ein Schneebrett, das beide mitriss und total verschüttete. Der Unfall wurde von einem Wintersportler beobachtet. Dieser setzte einen Notruf ab und konnte als Ersthelfer einen der Beteiligten auffinden. Eine aus dem Schnee ragende Hand dürfte dieser Person das Leben gerettet haben. Da die zweite Person kein LVS-Gerät bei sich hatte, wurde die Lawine systematisch sondiert und von Lawinenhunden abgesucht. Einem der Hunde gelang es, die Person nach etwa 2,5 Stunden Verschüttungszeit zu orten. Bei einer Verschüttungstiefe von knapp 2m kam leider jede Hilfe zu spät.

Das Anrissgebiet der Schneebrettlawine unterhalb des Olperers. Die Lawine ging bis zum Gletschereis ab. Die dort ersichtliche weiße Linie zeigt die während des Herbstes meist begangene Aufstiegsroute. (Foto: 17.10.2016)

Das Anrissgebiet der Schneebrettlawine befindet sich auf etwa 3350m in einem extrem steilen Nordhang. Die Hangneigung beträgt meist um 40 Grad, stellenweise bis zu 50 Grad. Die Lawine war ca. 180m lang und zwischen 40m und 70m breit.

Gemeinsam mit der Alpinpolizei analysierten wir den Unfall. Einer der wesentlichen Faktoren, die den Unfall erklären, hängt neben dem kürzlichen Föhneinfluss auch vom extrem steilen Gelände ab. (Foto: 17.10.2016)

Auffallend war die recht harte Schneeoberfläche, die sich durch stürmischen Wind (u.a. vom vergangenen Freitag, den 14.10.) gebildet hat. Im Ablagerungsbereich fand man dementsprechend harte und mitunter für diese Jahreszeit bereits recht große Schollen.

Harte Schollen beim Lawinenkegel. Die zwei Alpinpolizisten befinden sich im Bereich der zwei Verschüttungsstellen. (Foto: 17.10.2016)

Erfahrungsgemäß sind solch harte Triebschneepakete nur bis zu wenige Tage nach einem Sturmereignis zu stören, umso eher, je kälter es ist.

Die nahe der Unfallstelle gelegene Wetterstation Tuxerjoch zeigt den Sturm am 14.10. Seither ist es deutlich wärmer geworden.

Heute am 17.10. haben unsere Stabilitätsuntersuchungen gezeigt, dass der Triebschnee oberflächennah bereits recht gut verbunden war. Dies hat v.a. auch mit den seit dem Wochenende zunehmenden Temperaturen zu tun.

Erst knapp oberhalb des Gletschereises befand sich eine dünne, kantige Schicht, die bei Loslösung sämtlicher, seitlicher (zum Teil extrem harter) Verbindungen gestört werden konnte. Es gibt somit zwei mögliche Erklärungen für den Lawinenabgang. Entweder haben die zwei Bergsteiger primär ein eher kleinräumiges, frisches und hartes Triebschneepaket ausgelöst, durch dessen sehr großes Gewicht die Lawine folglich bis zum Gletschereis gebrochen ist. Oder aber einer der Bergsteiger brach während des Abstieges an einer schneearmen Stelle bis zur bodennahen, zufällig etwas ausgeprägteren Schwachschicht. Der Bruch pflanzte sich dann unmittelbar von dort aus fort. Die Belastung eines absteigenden Bergsteigers im extrem steilen Gelände begünstigt dabei diesen Prozess. Prinzipiell kann also von einem kombinierten Trieb- und Altschneeproblem ausgegangen werden, wobei nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, was für den Lawinenabgang ausschlaggebend war.

Eines unserer Schneeprofile: Man erkennt eine glatte Bruchfläche, die allerdings nur mit großer Belastung erzeugt werden konnte. Eine Bruchfortpflanzung war dort nicht mehr möglich. Bodennah oberhalb des Gletschereises ist eine etwas weichere, aufbauend umgewandelte Schicht eingelagert, auf der schlussendlich die Lawine abging. Links der Schaufel erkennt man Spuren eines der Bergsteiger, die zeigen, dass man kaum eingebrochen ist. (Foto: 17.10.2016)

Blick vom Nahbereich des Lawinenanrisses in Richtung Ablagerungsgebiet. Die zwei Kreise zeigen in etwa die Verschüttungsstellen. (Foto: 17.10.2016)

Schlussendlich muss gesagt werden, dass eine Verkettung unglücklicher Umstände ausschlaggebend für den Lawinenabgang war. Als Lehre aus diesem Unglück kann einzig mitgenommen werden, dass nach massiven Sturmereignissen zumindest für wenige Tage auch an die Gefahr von harten Schneebrettern gedacht werden sollte.

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