Freitag, 15. Dezember 2017

Schneedeckenaufbau: Aktuelle Analyse sowie bisherige Entwicklung

Dieser Blogeintrag gliedert sich in zwei Teile:
Teil 1: Infos zum aktuellen Schneedeckenaufbau
Teil 2: Schneedeckenentwicklung ab Winterbeginn

Schneedeckenaufbau zum 15.12.2017

In Tirol liegt für die Jahreszeit überdurchschnittlich viel Schnee.

Blick auf die Kühtaier Berge, Nördliche Stubaier Alpen (Foto: 13.12.2017)

Die dazugehörige Beobachterstation Kühtai zeigt beispielhaft für Tirol die überdurchschnittliche Schneehöhe für die Jahreszeit. Rosarote Linie: laufende Saison. Dicke, graue Linie: Durchschnitt seit 1990. Graue Begrenzungen: Bisherige Maxima und Minima.

…wieder Neuschnee…

Laut ZAMG-Wetterdienststelle geht es winterlich weiter…
Für die Lawinensituation sind vor allem drei Lawinenprobleme zu beachten: Triebschnee-, Altschnee- und Gleitschneeproblem.


Triebschneeproblem

Durch starken bis stürmischen Wind und Neuschnee bildet sich das Triebschneeproblem immer wieder neu. Mit kalten Temperaturen sind die Triebschneepakete spröder und damit störanfälliger als dies mit wärmeren Temperaturen der Fall wäre. Das Triebschneeproblem nimmt somit mit zunehmender Seehöhe zu.
Das Triebschneeproblem dauert vom Zeitpunkt der Schneeverfrachtung bis einige Tage danach. Bis zu diesem Zeitpunkt kann sich die von Triebschnee überlagerte Schwachschicht wieder so gut verbunden haben, dass man kein Problem mehr hat. Dies ist dann der Fall, wenn die Schwachschicht aus lockerem, überwehten Pulverschnee besteht. Nach ein paar Tagen kann aber die Schwachschicht mit dem Triebschnee weiterhin schlecht verbunden sein. Dies kommt dann vor, wenn die Schwachschicht aus aufbauend umgewandelten Kristallen besteht. Ein anfängliches Triebschneeproblem entwickelt sich dann zu einem Altschneeproblem.
Derzeit haben wir beide Situationen. Frischer Triebschnee lagert auf lockerem Pulverschnee. Neuschnee überdeckt dabei teilweise die kürzlich entstandenen Triebschneepakete, was die Gefahreneinschätzung erschwert. Zudem überlagert älterer Triebschnee vom vergangenen Wochenende eine Schwachschicht aus aufbauend umgewandelten, meist kantigen Kristallen. (Wie oben beschrieben entwickelte sich das damalige Triebschneeproblem inzwischen zu einem Altschneeproblem.)

Schneefahnen in den Nördlichen Stubaier Alpen zeigen eindrücklich die anhaltende Bildung von frischen Triebschneepaketen. (Foto: 13.12.2017)

Schneeverfrachtungen am Patscherkofel in den Tuxer Alpen (Foto: 13.12.2017)

Ein rascher Blick zurück: Der Föhnsturm zwischen dem 10.12. und 12.12. ließ gemeinsam mit den Schneefällen sowie dem markanten Temperaturanstieg (samt Regen) die Lawinengefahr ansteigen. Diese erreichte ihren Höhepunkt in der Nacht vom 11.12. auf den 12.12.2017. Große Gefahr und spontane Lawinen waren in den niederschlagsreichen Regionen die Folge. Ebenso wurden uns speziell am 12.12. zum Teil sehr gute Sprengerfolge gemeldet. Bereits am Mittwoch, dem 13.12. konnte man bereits eine Besserung der Situation feststellen.

Am Sturmtag, dem 11.12.2017: Spontane Schneebrettlawine am Weg zur Lampsenspitze in den Nördlichen Stubaier Alpen

Lawinenabgang in den Südlichen Ötztaler Alpen. Nach dem Sturm gab es perfekte Bretter auf bestehenden Schwachschichten. (Foto: 12.12.2017)

Spontaner Lawinenabgang in Zentralosttirol (Foto: 13.12.2017)

Die meisten Lawinen gingen in Schattenhängen in einem Höhenbereich zwischen etwa 2000m und 2600m ab. Dies hatte mit der aufbauend umgewandelten Altschneeoberfläche zu tun, die als Schwachschicht diente. Hochalpin lösten sich Schneebrettlawinen vereinzelt auch im Bereich einer bodennahen Schwachschicht auf Gletschereis sowie vermehrt in kammnahen, sehr steilen Hängen.
Teilweise beobachtete man während des Schneefalls aber auch Graupel, der nur dort relevant war, wo sich dieser als dickere Schicht ablagern konnte.

Graupel im Defereggentral (Foto: 13.12.2017)

Rissbildung und Setzungsgeräusche weisen auf eine erhöhte Störanfälligkeit der Schneedecke hin. Marchginggele, Zentralosttirol (Foto: 13.12.2017)

Vom Triebschneeproblem begünstigt sind Touren unterhalb der Waldgrenze. (Foto: 14.12.2017)

 

Altschneeproblem

Mancherorts haben wir ein Altschneeproblem. (kein Vergleich zu den vorangegangenen Wintern mit massiven Altschneeproblemen!). Dieses örtlich einzugrenzen und die weitere Entwicklung zu verfolgen, stellt einen wichtigen Teil unserer Arbeit dar. Momentan teilt sich das Altschneeproblem auf folgende Bereiche auf:

Altschneeoberfläche

Die kalten Schönwettertage bis Anfang Dezember haben die Schneedecke zunehmend aufbauend umgewandelt. Dies traf vermehrt für Schattenhänge zu. In einem Höhenbereich zwischen etwa 2000m und 2400m brach man dort gehäuft bis zum Boden durch. Dort war die Schwachschicht in Folge am meisten ausgeprägt. Die Schneeoberfläche bestand in windgeschützten Bereichen aus kalten, lockeren, kantigen und teilweise filzigen Kristallen.

Ein Profil vom 07.12. mit einer aufbauend umgewandelten Schneeoberfläche. Vollständiges Profil hier.

Beim tödlichen Lawinenunfall im Bereich des Pezid am 13.12.2017 bestand die ausschlaggebende Schwachschicht aus solch kantigen Kristallen. Unsere Stabilitätsuntersuchungen im Nahbereich der Lawine zeigten Brüche mit mäßiger Bruchfortpflanzung. Wir gehen davon aus, dass die Lawine an einer verhältnismäßig schneearmen Stelle ausgelöst wurde, dort wo die aufbauende Umwandlung ausgeprägter war. Laut Augenzeugen löste sich die Lawine, als eine abfahrende Person im steilsten Bereich des Hanges (40 Grad, Sektor Nord) stürzte.

Unfallstelle Pezid – Serfaus vom 13.12.2017

Oberster Anrissbereich der Unfalllawine Pezid vom 13.12.2017. Es handelt sich um einen 35-40 Grad steilen Nordhang auf 2560m Höhe. (Foto: 14.12.2017)

Schneeprofil Pezid – Serfaus auf 2560m N, 40 Grad: Von Triebschnee überlagerte kantige Schwachschicht


Kalt auf warm

Zusätzlich finden wir kantige Kristalle im Bereich von Schmelzkrusten die aufgrund des Gefahrenmusters „Kalt auf warm“ entstanden sind. Konkret geht es um eine Schmelzkruste und eine daran anschließende Schwachschicht. Auf eine feuchte Altschneeoberfläche schneite es ab den Abendstunden des 25.11. bei stark sinkenden Temperaturen. Die Folge war ein großer Temperaturunterschied auf kleinem Raum samt aufbauender Umwandlung. Ein Lawinenabgang in einem sehr steilen Südhang am 05.12. auf der Nordkette oberhalb von Innsbruck hatte damit zu tun. Die Schwachschicht hat sich nur gebietsweise in einem Höhenband zwischen 2000m und 2300m in sehr steilen Südhängen ausgebildet und dürfte inzwischen nur mehr eine untergeordnete Rolle für die Lawinengefahr spielen.

Verlauf der Station Patscherkofel. Man erkennt die Wärmephase und die folgende Kaltfront. Dieser Wechsel führte zur Bildung einer lokal eng verbreiteten Schwachschicht, welche durch Strahlungsnächte und noch kältere Temperaturen in den folgenden Tagen verstärkt wurde.
Ein Profil vom Lawinenunfall an der Nordkette mit einer kantigen Schwachschicht durch das Gefahrenmuster Kalt auf warm. Vollständiges Profil hier.

 

Altschneeproblem in bodennahen Schichten

Bodennahe Schwachschichten findet man v.a. im hochalpinen Gelände  (also oberhalb von etwa 3000m) im Nordsektor. Aktiviert wurden diese u.a. durch die intensiven Schneefälle Anfang November, vereinzelt auch vom 11.12. auf den 12.12. aufgrund des bereits erwähnten Föhnsturms samt Schnee und Temperaturanstieg. Durch die bereits mächtige Schneeauflage und die eher mäßige Ausprägung der Schwachschichten gehen wir derzeit nur von einem Randthema für Wintersportler aus.


Oberflächenreif

Der eingeschneite Oberflächenreif in den nördlichen Regionen ist mittlerweile durch Regen und Wärmeeinfluss zumindest unterhalb von 2000m keine Gefahrenquelle mehr.
In einer Schwachschicht aus eingeschneitem Oberflächenreif wurde ein Bruch initiiert. Es löste sich ein weiches Schneebrett (weicher aber gebundener Schnee). Großer Tanzkogel, Kitzbühler Alpen (Foto: 07.12.2017)


Weitere Entwicklung

Interessant ist in nächster Zeit insbesondere die Entwicklung um die Regenkruste, die durch den Föhnorkan und den damit einhergehenden Wärmeeinbruch vom 11.12. entstanden ist. Im Bereich dieser Kruste hat bereits aufbauende Umwandlung eingesetzt. Es betrifft meist Höhenbereiche bis etwa 2000m hinauf. In den Regionen entlang des Alpenhauptkammes liegt diese Grenze meist zwischen 2200m und 2400m, vereinzelt sogar bei 2700m (Kaunertal). Ob die Schwachschichtbildung markant und von großer Bedeutung für die Lawinengefahr sein wird, wird der weitere Wetterverlauf zeigen. Noch gibt es keine Hinweise auf ein Problem. Auch die während des Föhnsturms entstandenen Windkrusten gilt es sorgfältig zu in Hinblick auf eine umliegende Schwachschichtbildung zu beobachten.


Gleitschneeproblem

Gleitschneelawinen treten gehäuft in den schneereichen Regionen Tirols v.a. dort auf, wo es bereits Anfang November viel geschneit hat. (Viel Schnee auf einem warmen Boden begünstigt das Gleitschneeproblem).
Frisches Gleitschneemaul im Skigebiet Nordkette oberhalb von Innsbruck. Gleitschneelawinen sind durch den kaum vorhersagbaren Abgangszeitpunkt eine Herausforderung für die Lawinenkommissionstätigkeit. (Foto: 07.12.2017)

Viele Gleitschneerutsche bzw. –lawinen im Außerfern (Foto: 13.12.2017)


Schneedeckenentwicklung: erste Herbstschneefälle bis Mitte November 2017

(erstellt von unserem Praktikanten Lukas Ruetz)

Betrachten wir nun den Zeitraum von den ersten herbstlichen Schneefällen Anfang September bis Mitte November.
Messstation der Hydrographie Tirol am Timmelsjoch: Verlauf von Mitte September bis zum 13.11.2017

Anhand zweier Profile aus dem Nordsektor in hohen Lagen (das heißt zwischen 2000m und 3000m) ordnen wir den Schneedeckenaufbau anhand der an der Station Timmelsjoch beschriebenen Witterungsperioden zu. Wir beginnen mit einem Schneeprofil aus dem Nahbereich des Skigebiets Kühtai (Nördliche Stubaier Alpen) vom 12. November. Vollständiges Profil hier zu finden. Aufgenommen in einem direkt nach Norden ausgerichteten, 30° steilen Hang auf 2346m. Wir sehen fünf Bereiche von jeweils fünf signifikanten Witterungsperioden.

Schneeprofil vom 12.11.2017, 2346m, Nord, Kühtai, Nördliche Stubaier Alpen

Bereich 1 (rosa) teilt sich auf drei verschiedene Schichten von 73cm Höhe bis 43cm Höhe auf. Der Schnee stammt  vom Frontensystem am 11.11. und der Nacht auf den 12.11. sowie der Windaktivität und dadurch bedingter Schneeumlagerung am Tag der Profilaufnahme (12.11.).  Durch den anschließenden Wärmeeinbruch am 12.11. ist die Oberfläche bereits angefeuchtet (Zahl 2 in der ersten Spalte steht für „schwach feucht“). Als Kornformen finden wir Filz und Rundkörnige, also Schneeformen, die bereits abbauend umgewandelt wurden. Die oberste Schicht ist durch Wind leicht verfestigt, darunter liegt noch weicher, filziger Schnee der von einer festeren, rundkörnigen Schicht abgelöst wird. Die Schneehärte steht in der vorletzten Spalte oder kann an den blauen Balken abgelesen werden: Von „Härtegrad 2 - vier Finger“ ändert sie sich auf „Härtegrad 1 – Faust“ und geht am unteren Ende unseres Bereichs auf „Härtegrad 3 bis 4 – Ein Finger bis Bleistift“ über.
Bereich 2 (grün) enthält ebenfalls drei Schichten. In der obersten Schicht erkennen wir Oberflächenreif. Dieser hat sich in der Phase mit hoher Luftfeuchtigkeit – mit Inversions-Hochnebeldecke im Tal und Nächten mit starker Abstrahlung in höher gelegenen Bereichen – um den 8. November gebildet. Durch die Ausstrahlung der Schneeoberfläche wird diese wesentlich kälter als die darüber lagernde Luft. Bei hoher Luftfeuchtigkeit kristallisiert die Feuchtigkeit sodann an der Schneeoberfläche aus (der Vorgang wird als „Deposition“ bezeichnet) und bildet Reif. Dieser ist inzwischen von den folgenden Schneefällen aus Bereich 1 überlagert worden und bildet somit eine Schwachschicht innerhalb der Schneedecke. Schwachschichten erkennt man unter anderem an der Darstellung der Schichthärten (blaue Balken): Sie sind nur wenig verfestigt und damit relativ weich, der blaue Balken in Folge nicht weit nach links ausschlaggend. Sollten Schwachschichten von härteren Schichten umgeben sein, stellen sie in der Schneeprofilgrafik einen markanten Einschnitt im blau-strichlierten Bereich (dem Härteverlauf der Schneedecke) dar.
Die beiden darunter liegenden Schichten stammen von der intensiven Schneefallperiode um den 6. November. Sie haben sich bereits fortschreitend abbauend umgewandelt und bestehen aus rundkörnigem Schnee, auch bekannt als verfestigter Altschnee. An der Grenze zum nächsten Bereich haben sich die Körner ganz leicht aufbauend umgewandelt, das heißt hier sind ganz schwach ausgeprägte und noch sehr kleine Kantige Kristalle zu erkennen.
Bereich 3 (rot) besteht aus zwei Schichten. Diese stammen vom Schneefall  am 29. Oktober. Durch die anschließende Wärmephase Anfang November hat sich die Oberfläche zu einer Schmelzkruste umgewandelt. Eine Schmelzkruste wird mit dem Brillensymbol dargestellt. Unterhalb dieser Schmelzkruste hat sich der Schnee durch die meist freien Himmel, dadurch bedingter starker Auskühlung der Schneeoberfläche und den gebildeten, starken Temperaturunterschied zwischen Schneeoberfläche und etwas tiefer gelegenen Schneeschichten Ende Oktober/Anfang November aufbauend umgewandelt. Das heißt glasige, lockere, weiche Kantige Kristalle gebildet.
Bereich 4 (türkis) besteht aus zwei Schichten. Sie stammen vom feuchten Schneefall am 27. Oktober und dem wolkenfreien Himmel am 28. Oktober. Da an diesem Hang zu dieser Jahreszeit ganztags keine direkte Sonnenstrahlung eintrifft, strahlt die Schneedecke unter Tags ebenfalls mehr Energie (im Hinblick auf die Schneedecke kann man Energie mit Wärme gleichsetzen) nach oben ab, als sie durch Einstrahlung erhält. Somit hat sich am 28.10. ein Harschdeckel unter Tags ausgebildet. Für die Umbildung des Schnees unterhalb dieser Kruste zu der kantigen Schicht war ebenfalls das Strahlungswetter von Anfang November verantwortlich, wie in Bereich 3.
Bereich 5 (braun) stammt von der Schneefallperiode um den 23. Oktober, dem ersten Schneefall nach der warmen Hochdruckphase von Mitte Oktober.  Hier ist das gleiche mit der Schneedecke geschehen wie in Bereich 3 + 4. In der warmen Schönwetterphase um den 25.10. hat sich eine oberflächliche Kruste gebildet. In weiterer Folge entwickelte sich unter der Kruste durch den starken Temperaturgradienten (bedingt durch die Ausstrahlung in der Schönwetterphase) bis zum 27.10. eine lockere, aufbauend umgewandelte Schicht.
Beim ECT (Erweiterter Säulentest) konnten zwei Teilbrüche erzeugt werden: Einmal in der Schicht mit dem Oberflächenreif, einmal in der kantigen Schicht aus Bereich 3 (rot).
Als zweites Beispiel betrachten wir ein Schneeprofil vom Wurmkogel (Nahbereich Skigebiet Obergurgl, Südliche Ötztaler Alpen) vom 9. November. Aufgenommen in einem 34° steilen Nordwesthang auf 2860m. Vollständiges Profil hier abrufbar.

Schneeprofil vom 09.11.2017, 2860m, Nordwest, Wurmkogel, Südliche Ötztaler Alpen

Man erkennt im Wesentlichen die gleichen Witterungsperioden:
An der Schneeoberfläche (Bereich 1, orange) findet sich der Oberflächenreif der um den 8.11. gebildet wurde und zum Zeitpunkt der Profilaufnahme noch nicht eingeschneit ist. Darunter in Bereich 2 (rosa) lagert der bereits etwas abbauend umgewandelte Schnee von den am 5. November beginnenden, intensiven Schneefällen. In Bereich 3 (grün) lagert der Schnee vom 29.10. Mit diesem ist das gleiche wie beim oberen Kühtai-Profil geschehen. Allerdings sind die Kruste und die darunter befindliche aufbauend umgewandelte Schicht jeweils schwächer ausgeprägt, da der Wärmeeinfluss aufgrund der Höhenlage hier weniger ausgeprägt war. Somit konnte es nicht zu einer stark ausgeprägten Verkrustung kommen. Die ursprüngliche Schneeart ist dadurch noch in der Kruste erkennbar – darum steht im Brillensymbol eine zweite Kornform. Gleiches gilt für Bereich 4 (türkis) und Bereich 5 (braun). Dies sind die Schneefälle vom 28.10. und vom 23.10. – an der Oberseite verkrustet, an der Unterseite leicht aufbauend umgewandelt. Im Wurmkogel Profil finden wir in Bereich 6 (blau) Schnee einer zusätzlichen Zeitperiode: von den zahlreichen Schneefällen im September und Anfang Oktober. Dieser konnte sich hier auf über 2800m schattseitig in der Hochdruckphase Mitte Oktober halten, am oben besprochenen Profil ist das nicht der Fall. Aufgrund des starken Wärmeeinflusses kam es in der Hochdruckperiode allerdings zu einer vollständigen – nicht nur oberflächlichen – Verkrustung der Schneedecke und zu keiner aufbauenden Umwandlung darunter – trotz wolkenloser Nächte. Die Lufttemperatur hatte höheren Einfluss auf die Schneedecke als die abkühlend wirkende Ausstrahlung. Somit bildete sich hier keine kantige Schicht unterhalb der Kruste.
In der folgenden Grafik von der Messstation am Pitztaler Gletscher erkennt man die beschriebenen Zeitperioden ebenfalls sehr gut. Die blaue Linie oben zeigt die Niederschläge, die rosarote den Schneehöhenverlauf, die rote gibt den Temperaturverlauf wieder:
Der Zeitraum von Anfang Dezember bis Mitte November an der ZAMG-Station am Pitztaler Gletscher, Die rosarote Linie zeigt den Schneehöhenverlauf.

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Tödlicher Lawinenunfall - Pezid

Seitens der Leitstelle Tirol wurden wir heute um 12:30 Uhr von einem Lawinenabgang im Variantenbereich des Skigebietes Serfaus-Fiss-Ladis informiert. Die Lawine löste sich in einem sehr steilen Nordhang abseits der Piste. Eine Person konnte nur mehr tot geborgen werden.
 
Morgen am 14.12. werden wir nähere Untersuchungen vornehmen. Fest steht, dass kürzlich abgelagerter Triebschnee eine wesentliche Rolle bei dem Lawinenabgang gespielt hat.


Ausschnitt aus der Geländeneigungskarte. Die Unfallstelle befindet sich unterhalb der Seilbahn auf den Pezid. Nähere Details folgen. (© tiris)
 

Dienstag, 12. Dezember 2017

Ein erster Rückblick auf den markanten Föhneinbruch…

Die Prognosen der ZAMG-Wetterdienststelle haben sehr gut gepasst: Das Wetter war ausgesprochen turbulent.
 
Föhnsituation in Innsbruck vom 11.12. und 12.12.2017…
 
Auf den Bergen wehte ein Orkan, wie schon lange nicht mehr.
 
Die in Tirol maximal gemessene Windböe betrug 236km/h. Eindrucksvoll, was die Windmesser der automatischen Wetterstationen so alles aushalten
 
Nicht alltäglich…
 
Die Hauptniederschlagsgebiete lagen entlang des Alpenhauptkammes sowie im südlichen Osttirol. Am besten lassen sich diese – auch aufgrund des Regens bis zumindest in mittlere Höhenlagen hinauf – anhand der Niederschlagskarte des Hydrographischen Dienstes Tirol erkennen.
 
Die Station Timmelsjoch zeigte die höchsten Niederschlagswerte an.
 
Auf den Bergen kamen somit lokal bis zu 100cm Neuschnee dazu. Erste Informationen über Lawinenaktivität haben wir aus den Südlichen Ötztaler Alpen erhalten. Dort verzeichnete man sehr gute Sprengerfolge, beobachtete aber auch spontane Lawinen in allen Expositionen, die teilweise bis zum Grund abgingen.
 
Wintersportler sollten im ungesicherten Gelände derzeit über sehr gutes lawinenkundliches Wissen verfügen.
 

Sonntag, 10. Dezember 2017

Sturm und Orkan sowie viel Neuschnee im Süden bestimmen die nächsten Tage

Bezeichnend für die derzeitige Situation sind Schneefahnen auf den Bergen. Diese zeugen von ausgedehnten Verfrachtungen und folglich neuen Triebschneeansammlungen.

Ergänzend zum gestrigen Blogeintrag erscheint es wichtig, auf die vereinzelt bereits beobachteten Selbstauslösungen hinzuweisen. Es handelte sich dabei um meist kleine Schneebrettlawinen im schattigen Gelände, dort wo viel Schnee durch Wind abgelagert wurde. Als Schwachschicht diente entweder jene aufbauend umgewandelte Schneeoberfläche, die lange der Kälte ausgesetzt war und nun von Triebschnee überlagert wurde oder aber eingeschneiter Oberflächenreif.

Interessant in diesem Zusammenhang erscheint auch ein Lawinenabgang am Reuttener Hahnenkamm, der einen großen Lawineneinsatz zur Folge hatte. Die Lawine ging genau dort ab, wo uns von ausgedehntem Oberflächenreif berichtet wurde (sh. Blog). Nach einer langwierigen Suche konnte Entwarnung gegeben werden.

Lawinenabgang Hahnenkamm vom 09.12.2017. O-Hang, Lawine 150m breit, 40cm Anriss, extrem steil (Foto: 09.12.2017)

Lawinenabgang Hahnenkamm vom 09.12.2017. Während der Suche… (Foto: 09.12.2017)

Schneefahnen in den Nördlichen Stubaier Alpen (Foto: 09.12.2017)

Die Wettermodelle zeigen für den morgigen Montag, den 11.12.2017 einen außergewöhnlichen Orkan. Bei inzwischen wieder angestiegenen Temperaturen wird es zu schneien beginnen. Im Süden kann es laut Auskunft der ZAMG-Wetterdienststelle um 100cm schneien.
Die Lawinengefahr wird ansteigen. Selbstauslösungen von Lawinen werden zunehmend wahrscheinlicher.
Eine Bitte am Schluss: Mit Beginn der Niederschläge wird es anfangs regnen, in größeren Höhen schneien. Wir haben großes Interesse an der Regengrenze und bitten um Rückmeldungen an lawine@tirol.gv.at. Ein möglichst klares Bild darüber hilft uns, eine mögliche, zukünftige Schwachschichtbildung im Bereich der dabei entstandenen Regenkrusten besser einschätzen zu können.

Samstag, 9. Dezember 2017

Derzeit meist noch überschaubare Gefahrenstellen. Vorsicht vor frischem Triebschnee! Es geht sehr turbulent weiter!

Der Winter hat uns bereits fest im Griff. Durch neuerlichen Schneefall vom 08.12. auf den 09.12. samt meist kräftigem Höhenwind haben sich weitere Triebschneeansammlungen gebildet.


Die Gefahr pendelt derzeit noch zwischen mäßig und erheblich, wurde aber aufgrund der Zunahme an Gefahrenstellen heute für Nordtirol auf einen „schwachen" 3-er oberhalb der Waldgrenze angesetzt. Die Störanfälligkeit frischer Triebschneeansammlungen spricht für einen 3-er, die Größe der Gefahrenstellen in den neuschneeärmeren Regionen eher für einen 2-er…


Wichtig ist nicht so sehr die Gefahrenstufe, viel wichtiger ist es, im Gelände frischen Triebschnee zu erkennen und zu wissen, dass dieser im Steilgelände meist bereits durch geringe Belastung ausgelöst werden kann. Dies ist vermehrt in Schattenhängen sowie in Kammnähe möglich.

Im besonnten, sehr steilen Gelände wurde zudem in einem Höhenband zwischen etwa 2000m und 2300m sowie oberhalb etwa 2800m unterhalb einer dünnen Kruste eine Schwachschicht aus kantigen Kristallen beobachtet (Gefahrenmuster kalt auf warm ab 25.11.). Der Strahlungs- und Wärmeeinfluss am 07.12. hat sich inzwischen positiv ausgewirkt. Die Schneedecke sollte dort, wenn nur mehr unter großer Belastung zu stören sein.

Es geht sehr turbulent weiter: Während der kommenden Tage erwarten uns laut Auskunft der ZAMG-Wetterdienststelle Sturm, ja sogar Orkan und anschließend große Neuschneemengen im Süden.

Windprognose (rot) und prognostizierter Neuschnee für einen ausgewählten Punkt in den Osttiroler Tauern © ZAMG

Klarerweise wird sich dies auf die Lawinengefahr auswirken.                                                                                                                    
Man sollte dann die Sinne zunehmend auch in Hinblick auf frische, harte und spröde Triebschneebretter schärfen. (Eine harte Schneeoberfläche bedeutet nicht unbedingt Sicherheit!). Mit viel Neuschnee werden auch spontane Lawinen nicht ausbleiben.