Donnerstag, 18. Januar 2018

In Nordtirol verbreitet große Gefahr – Heikle Situation für den Wintersportler!

Während einer raschen Abfolge von Warm- und Kaltfronten ist in Nordtirol und in den Osttiroler Tauern viel Neuschnee zusammengekommen. Meist schneite es seit dem 16.01. um 50cm, lokal bis etwa 100cm.
 
 
Auf den Bergen war und ist es stürmisch. Der Wind weht aus dem Sektor NW bis W. Dementsprechend umfangreich sind in der Höhe auch die Schneeverfrachtungen.
 
An der Stationsgrafik „Äußere Rendlalpe" in der Arlbergregion erkennt man sehr gut die Wetterverschlechterung ab dem 16.01.: Deutlicher Anstieg der Schneehöhe, ein Auf und Ab bei den Temperaturen sowie stürmischer Wind auf den Bergen aus dem Sektor NW bis W. Auffallend ist auch der massive Temperaturanstieg!
 
Die Lawinengefahr ist inzwischen in weiten Bereichen Nordtirols auf groß angestiegen.
 
 
Rückmeldungen über spontane Lawinenabgänge sind noch spärlich. Dies hat v.a. mit den sehr eingeschränkten Sichtverhältnissen zu tun. Der markante Temperaturanstieg, der heute am späten Vormittag des 18.01. zu beobachten ist, wird die Auslösewahrscheinlichkeit von Lawinen nochmals erhöhen. Wir gehen weiterhin davon aus, dass Lawinen primär in oberflächennahen Schichten brechen werden. Im Sektor W über N bis O wird dies im Bereich der aufbauend umgewandelten Altschneeoberfläche vom 15.01. (samt Oberflächenreif) sein. Zusätzlich findet man innerhalb des Neuschneepakets in allen Hangrichtungen zum Teil auch massive Graupeleinlagerungen, die ebenso als Schwachschicht dienen können. Die Störanfälligkeit dieser Schwachschichten wird zum Teil auch durch Rückmeldungen über Rissbildungen und Setzungsgeräusche bestätigt.
 
Staubanteil einer spontanen Lawine im Pitztal (Foto: 17.01.2018)
 
Spontane Lawine mit geringer Anrissmächtigkeit im Zillertal (Foto: 17.01.2018)
 
Verbreitet wurde Graupel beobachtet (Foto: 17.01.2018)
 
Vergleichsweise begünstigt ist das südliche Osttirol. Allerdings beobachtete man dort mitunter auch ein massives Durchgreifen des Windes bis in Tallagen, sodass sich verbreitet frische Triebschneepakete bilden konnten. Diese sind zwar kleiner als in Nordtirol, jedoch auch sehr leicht zu stören.
 
Schneeverfrachtung im Defereggental (Foto: 17.01.2018)
 
Wie geht es weiter?
 
Über Nacht zieht laut ZAMG-Wetterdienststelle wieder eine kältere Luftmasse über Tirol, die neuerlich Schnee in einer Größenordnung zwischen etwa 10 und 20cm bringen soll. Der Wind bleibt stürmisch. Die Lawinengefahr wird mit Abnahme der Niederschläge zögerlich zurückgehen.
 
Für den Wintersportler bleibt die Situation sehr heikel! Unerfahrenen Personen raten wir, auf den gesicherten Pisten zu bleiben!
 
Ab Sonntag kündigt sich dann wieder eine Warmfront mit viel Neuschnee an. Die Gefahr wird dann wieder groß werden.
 

Dienstag, 16. Januar 2018

Zunehmend heikle Lawinensituation durch eingeschneiten Oberflächenreif. In den neuschneereichen Gebieten wird die Gefahr auf groß ansteigen.

Laut ZAMG-Wetterdienststelle kommt während der kommenden Tage wieder einiges an Schnee zusammen. Betroffen davon sind v.a. Nordtirol sowie die Osttiroler Tauern. Am meisten wird es im Westen und Norden des Landes schneien. Dort kann lokal sogar die 100cm-Marke überschritten werden. Begleitet wird der Schneefall von stürmischem Wind aus dem Sektor NW bis W.


Die Schneedecke war bis zum gestrigen Tag, dem 15.01.2018 vielerorts stabil. Allerdings bildete sich während der vorangegangenen Tage an der Schneeoberfläche verbreitet über das ganze Land eine zum Teil sehr ausgeprägte Schicht aus Oberflächenreif. (Übrigens ein großes Dankeschön für die zahlreichen Rückmeldungen!). In nebelbeeinflussten Gebieten, wie im Unterland bzw. in Osttirol, war die Oberflächenreifbildung nochmals verstärkt. Dies war zum Teil auch im kammnahen, schattigen Gelände (bedingt durch den Nigg-Effekt) der Fall.

Oberflächenreif: Wunderschön zum Anschauen. Gefährlich, sobald eingeschneit. Verstärkte Oberflächenreifbildung in Kammnähe durch Nigg-Effekt: Silleskogel, Region Zillertaler Alpen (Foto: 14.01.2018)

Nebel im Lienzer Becken (Foto: 12.01.2018)
Die Auswirkungen von Nebeleinfluss in Zentralosttirol (Foto: 15.01.2018)

Oberflächenreif im Arlberggebiet (Foto: 15.01.2018)

Oberflächenreif bei Fieberbrunn (Foto: 14.01.2018)

Im schattigen Gelände sowie im flacheren besonnten Gelände ist der Oberflächenreif  durchwegs locker. Dieser lagert zudem häufig noch auf einer mehrere Zentimeter dicken Schicht aus lockeren, kantigen und filzigen Kristallen. Alles zusammen ergibt eine gefährliche Schwachschicht für die vorhergesagten Schneefälle.

Abfahrtsgenuss auf einer oberflächennah aufbauend umgewandelten Schneedecke. Im Vordergrund glitzern Oberflächenreifkristalle, Tuxer Alpen (Foto: 15.01.2018)

Die Konsequenz: Dort, wo gebundener Schnee auf dieser Schwachschicht zu liegen kommt, muss von einer sehr hohen Störanfälligkeit der Schneedecke ausgegangen werden. Es ist mit Fernauslösungen aus flachem Gelände zu rechnen. Auch spontane Schneebrettlawinen werden nicht ausbleiben. Vermehrt wird man diese im Westen des Landes mit Intensivierung der Niederschläge bereits ab den Abendstunden beobachten können. Morgen am 17.01. wird dies dann auch in den neuschneereicheren Regionen weiter im Osten zu beobachten sein. Dabei wird es sich anfangs um kleine bis maximal mittelgroße Lawinen handeln. Ein Durchbrechen in tiefere Schichten erscheint aufgrund des aktuellen Schneedeckenaufbaus und der Vorgeschichte des Winters (u.a. Auswirkungen der Warmfront vom 04.01. bzw. des Südföhns vom 09.01.) weniger wahrscheinlich.

Wir erwarten erhöhte, spontane Lawinenaktivität im neuschnee- und windbeeinflussten, schattigen und unverspurten bzw. wenig verspurten Steilgelände. (Foto: 15.01.2018)

Im besonnten Steilgelände wurde der Oberflächenreif durch Sonneneinstrahlung umgewandelt. Entweder wurde dieser zerstört, oder aber es haben sich dünne Schmelzkrusten mit noch erkennbaren, verkrusteten Oberflächenreifkristallen gebildet. Dies trifft zumindest für Höhenlagen unterhalb etwa 2800m zu. In den vermehrt von Nebel beeinflussten Gebieten kann Oberflächenreif jedoch auch im besonnten Gelände mitunter noch lockerer sein.

Feuchter, bereits mit der Schneeoberfläche leicht verkrusteter Oberflächenreif im besonnten Steilgelände auf ca. 2200m, Sektor Süd. (Zillertaler Alpen) (Foto: 15.01.2018)


Während windärmerer Phasen der aktuellen Neuschneefälle kann zwischen gebundenen Schichten lockerer Pulverschnee eingelagert sein. Dieser bildet dann eine mögliche Schwachschicht.

Kurz zusammengefasst:

Eingeschneiter Oberflächenreif wird vermehrt im Sektor W über N bis O zu Problemen führen.

Es werden sich zahlreiche Gefahrenstellen ausbilden. Die Auslösewahrscheinlichkeit ist sehr hoch.

Wintersportler sollten deshalb vorerst sehr defensiv unterwegs sein.
Unerfahrenen Personen raten wir (wieder einmal) auf den gesicherten Pisten zu bleiben.

Besser ist es vorerst nur im südlichen Teil Osttirols, wo es deutlich weniger schneien soll. Dennoch gilt auch dort: Frischen Triebschnee konsequent meiden.

Wir hatten diesen Winter schon einmal eine ähnliche Situation im Norden des Landes, als sich Anfang Dezember Oberflächenreif bildete. In kurzer Zeit wurden 12 Lawinenabgänge mit Personenbeteiligung gemeldet.

Sonntag, 14. Januar 2018

Überwiegend günstige Tourenverhältnisse


Diese findet man v.a. noch im sehr steilen schattigen Gelände oberhalb etwa 2200m. An Übergängen von wenig zu viel Schnee können dort insbesondere durch große Belastung vereinzelt noch Schneebrettlawinen im Altschnee ausgelöst werden. In Zentralosttirol sowie im Südlichen Osttirol erscheinen Lawinenauslösungen dabei eher möglich, als im übrigen Tirol.

Schneearme Stellen sind bevorzugte Bereiche, wo Lawinen u.U. noch ausgelöst werden können. Hier auf 2220m Nord in den Nördlichen Stubaier Alpen findet man bodennahen Schwimmschnee (Foto: 12.01.2018)

Im besonnten Gelände sprechen Schneedeckenuntersuchungen auch in Osttirol für eine inzwischen recht geringe Auslösewahrscheinlichkeit. Derzeit erscheint eine Störung von kantigen Kristallen angrenzend an Schmelzkrusten in schneeärmeren, flacheren Bereichen mitunter sogar wahrscheinlicher, als im sehr steilen Gelände. Schmelzkrusten sind dort dünner als im sehr steilen Gelände, die Brückenbildung dadurch weniger ausgeprägt. Allerdings kam während der vergangenen Niederschläge nochmals einiges an Neuschnee und somit Schneeüberdeckung zu, sodass das Gewicht von Wintersportlern nur mehr selten zu Störungen führen sollte. Weiters konnte beobachtet werden, dass sich Brüche, selbst wenn diese (im flacheren Gelände) initiiert werden konnten, in Folge im steileren besonnten Gelände inzwischen nicht mehr so leicht fortpflanzen sollten.

Derzeit weht auch wenig Wind. Frischer Triebschnee sollte deshalb ebenso nur sehr kleinräumig in großen Höhen, vermehrt in Kammnähe ein Thema sein. Wer sich auskennt, hat damit kein Problem, da leicht zu erkennen und entsprechend auszuweichen. Vorsicht: Frischer Triebschnee kann sehr störanfällig sein, da sich während der vergangenen Tage vermehrt Oberflächenreif gebildet hat (auch Nigg-Effekt in schattigen Kammlagen wurde beobachtet).


Der gerade angesprochene Oberflächenreif ist wichtig für die weitere Entwicklung der Lawinengefahr. Deshalb sind wir wieder sehr dankbar für Rückmeldungen über Beobachtungen zur Verbreitung von Oberflächenreif sowie der Existenz einer lockeren, pulvrigen Schneeoberfläche. (Örtlichkeit, Seehöhenbereich, Exposition). Interessant erscheint auch die beginnende aufbauende Umwandlung im Bereich von oberflächennahen Schmelzkrusten. Unsere Schneedeckenuntersuchungen zeigen derzeit überwiegend noch eine zu geringe Ausprägung. Häufig kommt es bei Stabilitätstests zu Teilbrüchen. Eines der Kriterien für eine Schneebrettauslösung, die Bruchausbreitung ist also unserem derzeitigen Informationsstand zufolge noch nicht gegeben. Wer auch dazu Beobachtungen macht: Infos bitte an lawine@tirol.gv.at. Besten Dank im Voraus!

Oberflächenreif im Vordergrund, toller Pulver im Hintergrund. Nördliche Stubaier Alpen (Foto: 13.01.2018)

Mögliche Schwachschichtbildung aufgrund des Gefahrenmusters 4 (gm.4) kalt auf warm / warm auf kalt im Bereich von kürzlich gebildeten Schmelzkrusten; Hier handelt es sich um eine sehr dünne oberflächennahe Kruste auf 2220m. Nördliche Stubaier Alpen (Foto: 12.01.2018)

Teilbrüche bei kantigen Kristallen, die aufgrund von gm.4 entstanden sind. 2500m, Süd, Nördliche Stubaier Alpen (Foto: 12.01.2018)

Donnerstag, 11. Januar 2018

Beruhigung der Lawinensituation – Ergebnisse der von Lawinenkommissionen durchgeführten Erkundungsflüge in Osttirol

Gestern am 10.01. hatten einige Lawinenkommissionen Osttirols Erkundungsflüge mit dem von der Alpinpolizei betriebenen Landeshubschrauber durchgeführt. Aus der Luft machten sie sich ein Bild über die kürzliche Lawinenaktivität und mögliche Gefahrenbereiche. Vorab gleich die gute Meldung: Die Situation hat sich deutlich entspannt. Noch am Vormittag des 10.01. wurden die aufgrund von Lawinengefahr gesperrten Straßen wieder geöffnet. Was bleibt ist das in ganz Tirol vorherrschende Gleitschneeproblem, also das Abgleiten von Schnee auf steilen Wiesenhängen.

Die Lawinenaktivität war unterschiedlich. Es dominierten Gleitschneelawinen. In Zentralosttirol und im Südlichen Osttirol lösten sich zum Teil auch große Schneebrettlawinen. Dabei waren alle Hangrichtungen betroffen. Schattseitig konnte man eine erhöhte Aktivität von etwa 2000m aufwärts beobachten, in besonnten Hängen betraf es ein Höhenband zwischen etwa 2200m und 2700m. Dieses Bild deckt sich auch sehr gut mit dem vor den Schneefällen angenommenen, störanfälligsten Bereichen.

Anriss einer Schneebrettlawine im Defereggental, Zentralosttirol (Foto: 10.01.2018)

Die unseres Wissens größte Lawine ging unterhalb des Deferegger Pfannhorns im schattigen, sehr steilen Gelände im Bereich des Stallersattels ab. Die Lawine erstreckte sich über eine Breite von ca. 1km.

Großflächiger Lawinenabgang Deferegger Pfannhorn, Nord, ca. 2750m, Defereggental, Zentralosttirol (Foto: 10.01.2018)

Lawinenabgang Deferegger Pfannhorn. Die Lawine verschüttete die gesperrte Straße auf den Staller Sattel (Foto: 10.01.2018)

Beachtlich war auch ein Lawinenabgang im Villgratental unterhalb der Kreuzspitze.

Lawinenabgang Kreuzspitze, Villgratental, Zentralosttirol (Foto: 10.01.2018)

Lawinenablagerungen bei der Galerie der Felbertauernstraße (Foto: 10.01.2018)

Am Grat erkennt man eine Sprengeinrichtung zum Absprengen von Lawinen oberhalb der Felbertauernstraße, im Vordergrund einen teils überwehten Schneebrettanriss (Foto: 10.01.2018)

Die meisten Lawinen lösten sich auf Wiesenhängen in Form von Gleitschneelawinen. Regeneinfluss erhöhte v.a. in tiefen Lagen, wo die Schneedecke bereits tiefergreifend feucht war, die Abgangsbereitschaft.

Ganz frische Gleitschneelawine (links), frische Gleitschneelawine (rechts) (Foto: 10.01.2018)

Blick aus dem Hubschrauber in Richtung Gleitschneelawine (Licht-Schattengrenze) (Foto: 10.01.2018)

Überschneite Anrissbereiche von Gleitschneelawinen im Villgratentgal, Zentralosttirol (Foto: 10.01.2018)

Bei den von uns durchgeführten Schneedeckenuntersuchungen fand man die bekannten Schwachschichten. Brüche konnten sich meist nicht mehr so gut fortpflanzen. Für den Wintersportler erscheinen sehr steile Schattenhängen oberhalb etwa 2200m in den Regionen Zentralosttirol sowie im Südlichen Osttirol am vergleichsweise ungünstigsten. Schneebrettlawinen können dort vermehrt an Übergangsbereichen von wenig zu viel Schnee, zum Teil noch durch geringe Belastung gestört werden. Unter ungünstigen Voraussetzungen können Lawinen dort auch noch größer werden. Im besonnten Gelände schaut es tendenziell besser aus. Dort konnten gestern allerdings beginnend von etwa 2200m aufwärts durch große Belastung im flacheren Gelände vereinzelt noch Setzungsgeräusche provoziert werden.

Nach getaner Arbeit: Schneeprofilaufnahme samt Stabilitätstests im Bereich des Hochgassers in den Osttiroler Tauern. (Foto: 10.01.2018)

Profil an obigem Standort: Es handelte sich um einen vergleichsweise windexponierten Standort. Die kantige Schicht bei 60cm und darunter ist weiter im Süden in windberuhigten Bereichen ausgeprägter und störanfälliger. In oberflächennahen Schichten konnten gestern meist nur mehr Teilbrüche erzeugt werden (Profil vom 10.01.2018)

Die für besonntes Gelände in mittleren und höheren Lagen typische Abfolge von härteren Krusten und weicheren Schichten (Profil vom 10.01.2018)

Sonst noch Berichtenswertes:
In Nordtirol beobachten wir eine weitere Stabilisierung der Schneedecke. Dort bilden inzwischen Gleitschneelawinen das Hauptproblem. In großen Höhen ist noch auf kürzlich gebildeten Triebschnee zu achten. Nach dem Föhnsturm verzeichnete man zum Teil sehr gute Sprengerfolge.

Eine durch Sprengung ausgelöste Lawine im Skigebiet Stubaier Gletscher, Südliche Stubaier Alpen (Foto: 10.01.2018)

Anraum an der Windstation Hochgasser legte die Windmessung lahm. (Foto: 10.01.2018)

Die Südströmung brachte auch etwas Saharastaub nach Tirol. Dieser konnte bis dato nur im Südlichen Osttirol in der Schneedecke beobachtet werden.

Dienstag, 9. Januar 2018

Untypische Wetterlage führt zu intensiven Niederschlägen im Süden – kurzfristig große Lawinengefahr!

Laut Meteorologen haben wir es derzeit mit einer für diese Jahreszeit sehr untypischen Wetterlage zu tun. Zitat unseres Beobachters und Meteorologen Alexander Radlherr: „Von Süden kommen immer wieder starke konvektive Zellen mit intensivem Niederschlag daher, verstärkt durch die orographische Hebung. Äußerst untypisch im Winter, sowas kommt eigentlich (fast) ausschließlich im Sommer vor. Kann mich die letzten Jahre im Winter nicht an sowas erinnern … so intensive Niederschläge in so kurzer Zeit. Ende April letztes Jahr gabs mal eine ähnliche Lage, aber eben Ende April und nicht im Jänner."

Gewitterwolken im Hochwinter. Unterland (Foto: 09.01.2018)

Niederschlagssumme der vergangenen 24 Stunden (teilweise mit Intensitäten von 15mm/h) © Hydro Online

Schwerpunkt der Niederschläge im Süden, hier am Beispiel der Wetterstation Connyalm in der Region Südliches Osttirol.

Verbreitet weht kräftiger Wind, der in der Höhe zu umfangreichen Verfrachtungen führt.

Schneeverfrachtung durch Föhneinfluss bei der Franz-Senn-Hütte in der Region Nördliche Stubaier Alpen (Foto: 09.01.2018)

Schneefahnen über der Nockspitze südlich von Innsbruck. Aufnahme nach Abzug der Niederschlagszellen (Foto: 09.01.2018)

Die Lawinengefahr ist angestiegen und gebietsweise groß.

Speziell in Osttirol rechnen wir aufgrund des uns bekannten Schneedeckenaufbaus mit einem vermehrten Durchbrechen in tiefere Schichten. Vorbeugend wurden deshalb bereits einige Straßen gesperrt. Betroffen ist u.a. auch die Felbertauernstraße.

Schneedeckenfundament, welches der Zusatzbelastung des überlagernden Neuschnees im sehr steilen Gelände in höheren Lagen nicht standhalten wird. Bodennahen Schwimmschnee findet man v.a. in Schattenhängen. Südliches Osttirol (Foto: 08.01.2018)

Im besonnten Gelände findet man im Bereich von Krusten zum Teil lockere Schichten, die ebenfalls durch die auf die Schneedecke einwirkende Zusatzbelastung brechen kann. Dies betrifft v.a. Höhenbereiche über 2200m. Südliches Osttirol (Foto: 08.01.2018)

Die Regengrenze war heute sehr unterschiedlich und lag unseren Informationen zufolge zwischen etwa 1000m und 2000m. Regen führt zu einer Schwächung der Schneedecke. Neben nassen Lockerschneelawinen ist auch mit einem vermehrten Abgleiten von Schnee auf steilen Wiesenhängen zu rechnen.

Bereits gestern führte (Niesel-)Regen zu einer Durchfeuchtung der Schneedecke bis etwa 2000m. Südliches Osttirol (Foto: 08.01.2018)

Weitere Entwicklung:

Laut ZAMG-Wetterdienststelle schwächen sich sowohl der Föhn im Norden als auch der Niederschlag im Süden ab dem Abend weiter ab. Die Abgangsbereitschaft spontaner Lawinen wird deutlich zurückgehen (Vorsicht: Gleitschneelawinen bleiben ein Thema!). Entsprechend geht die Lawinengefahr dann auch zurück.

Dennoch: Für den Wintersportler herrschen vielerorts durchwegs ungünstige Verhältnisse: Massive Verfrachtungen in der Höhe haben zahlreiche störanfällige Triebschneepakete gebildet, die mit zunehmender Seehöhe immer leichter auszulösen sind. Speziell in Zentralosttirol und im Südlichen Osttirol können von Wintersportlern ausgelöste Lawinen auch größer werden. In tiefen und mittleren Lagen muss auf die Schwächung der Schneedecke durch Nässeeintrag geachtet werden.

Kurz: Unerfahrene Personen sollten vorerst (wieder einmal) besser auf den gesicherten Pisten bleiben. Erfahrene Personen raten wir zu Zurückhaltung.

Sonntag, 7. Januar 2018

Rückblick auf ereignisreiche Tage – bei zwei Lawinenunglücken kamen drei Personen ums Leben

Wir haben eine sehr ereignis- und arbeitsreiche Zeit hinter uns, die es wert ist, etwas umfassender dokumentiert zu werden. Wesentliches wird dabei thematisch zusammengefasst.

Zahlreiche Lawinenabgänge am 04.01.2018

Am 05.01. verschafften wir uns mit Hubschrauberunterstützung der Flugeinsatzstelle Innsbruck des BMI einen Überblick aus der Luft. Sehr eindrucksvoll zeigte sich dabei die hohe Lawinenaktivität während des 04.01.2018! Unsere Lawinenszenarien, die wir vorher angestellt hatten, bestätigten sich in eindrucksvoller Weise. Viele Lawinen lösten sich primär in oberflächennahen Schichten. Dort, wo in der Altschneedecke Schwachschichten vorhanden waren, brach die Schneedecke in Folge auch in tieferen Schichten. Lawinen wurden in den schneereichen Regionen zum Teil groß und auch großflächig.


Außergewöhnliche Tage verlangen außergewöhnliche Transportmittel, um sich rasch einen guten Überblick über die Lawinensituation im Lande zu machen. Unterwegs mit der Alpinpolizei (Foto: 05.01.2018)

Der Neuschnee der Warmfront vom 04.01. brach auf dem lockeren Pulverschnee von der Kaltfront des 03.01. – Nördliche Ötztaler Alpen (Foto: 05.01.2018)

Der Neuschnee der Warmfront vom 04.01. brach auf dem lockeren Pulverschnee von der Kaltfront des 03.01. – Zentralosttirol (Foto: 06.01.2018)

Primär oberflächennaher Bruch, sekundär weiteres Durchbrechen in tiefere Schichten – Nördliche Stubaier Alpen (Foto: 05.01.2018)

Großflächiger Anriss sonnseitig – Samnaun (Foto: 05.01.2018)

Großflächiger Anriss schattseitig – Nördliche Stubaier Alpen (Foto: 06.01.2018)

Weite Auslauflänge – Untergurgl, Südliche Ötztaler Alpen (Foto: 05.01.2018)

Weite Auslauflänge – Ruderhofspitze, Südliche Ötztaler Alpen (Foto: 06.01.2018)

Teil des Anrissgebietes samt Sturzbahn jener Schneebrettlawine, welche am 04.01. die Sellraintal-Landesstraße erreichte (Foto: 05.01.2018)

Tödliches Lawinenunglück Velilltal – Region Silvretta-Samnaun am 04.01.2018

Am 04.01.2018 befand sich eine Gruppe aus Tschechien bei der Abfahrt im Velilltal in der Region Silvretta-Samnaun. Sie befuhren eine gesperrte Piste im Skigebiet der Silvretta-Skiarena. Kurz vor 14:00 Uhr wurde die Gruppe von einer spontanen Schneebrettlawine erfasst, welche sich zwischen der 2704m hohen Velill- und der 3089m hohen Vesulspitze löste. Das Anrissgebiet befindet sich auf etwa 2800m im extrem steilen SW-exponierten Gelände. Eine von drei verschütteten Personen konnte nur mehr tot aus einer Tiefe von ca. 1,5m geborgen werden. Im Nahbereich des Anrissgebietes wurde kein Schneeprofil aufgenommen. Aufgrund der Ausdehnung der Lawine kann jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Bruch der Schneedecke in einer kantigen Schicht angrenzend an eine Schmelzkruste ausgegangen werden.

Tödlicher Lawinenunfall Velilltal vom 04.01. Kreis zeigt die Verschüttungsstelle, Pfeil die Abfahrtsrichtung der Gruppe (Foto: 05.01.2018)

Anrissgebiet Unfralllawine Velilltal (Foto: 05.01.2018)

Tödliches Lawinenunglück Kals-Matreier Törl – Region Osttiroler Tauern am 05.01.2018

Am 05.01.2018 wurden zwei Personen aus Bayern bei der Abfahrt im Variantengebiet des Skigebietes Großglockner Resort Kals-Matrei von einer Schneebrettlawine erfasst und mitgerissen. Das Anrissgebiet befindet sich knapp über 2200m, der Auslaufbereich auf etwa 1750m, ist Richtung Westen ausgerichtet und sehr steil bis extrem steil. Die Lawine war etwa 150m breit und 600m lang, bei Anrissmächtigkeiten zwischen 50cm und 2m. Sie teilte sich im oberen Bereich in zwei Arme. Eine der Personen wurde am 05.01. im orographisch linken Arm der Lawine, die andere Person am 06.01. im orographisch rechten Arm der Lawine tot aufgefunden.

Am 06.01. führten die Alpinpolizei gemeinsam mit unserem Beobachter Peter Fuetsch Schneedeckenuntersuchungen im Anrissgebiet durch. Die Lawine löste sich auf einer kantigen Schicht innerhalb der Altschneedecke. Stabilitätstests zeigten eine durchwegs hohe Störanfälligkeit. Ebenso wurden im Nahbereich Setzungsgeräusche beobachtet, die auf einen Bruch dieser Schwachschicht hindeuten.

Innerhalb der Ellipse befindet sich der Anrissbereich der Unfalllawine Kals-Matreier Törl © tiris

Die Sturzbahn der Unfalllawine Kals-Matreier Törl (Foto: 05.01.2018)

Lawinenabgang auf Skipiste unterhalb des Vorderen Grieskogels – Region Nördliche Stubaier Alpen am 05.01.2018

Im Skigebiet Kühtai verschüttete eine Schneebrettlawine eine Skipiste. Zwei Personen wurden teilweise verschüttet. Da nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden konnte, ob nicht weitere Personen verschüttet waren, wurden eine groß angelegte Suchaktion gestartet, die mit Einbruch der Dunkelheit ohne Hinweis auf Verschüttete beendet werden konnte. Die Schneebrettlawine löste sich in einer Seehöhe von etwa 2275m in einem sehr steilen bis extrem steilen SO-exponierten Hang.

Schneebrettlawine Vorderer Grieskogel. Auf dem Lawinenkegel erkennt man Sondierketten. (Foto: 05.01.2018)

Schneebrettlawine Vorderer Grieskogel. Anhand des Lawinenhundeführers lässt sich die Anrisshöhe abschätzen. Im Bereich der Felsen und rechts darüber befindet sich der wahrscheinlichste Auslösebereich.  (Foto: 05.01.2018)

Unsere Schneedeckenuntersuchungen zeigten folgendes Bild: Auffallend war ein extrem großer Schneehöhenunterschied auf kleinem Raum im orographisch linken Teil des Anrissgebietes. Der Triebschnee war noch frisch und bildete offensichtlich ein ideales Brett. Vieles deutet darauf hin, dass das Schneebrett am Übergangsbereich von wenig zu viel Schnee ausgelöst wurde. Man sah dort auch einige Spuren.

Schneeprofil Vorderer Grieskogel, welches unterhalb (und leicht versetzt) der am oberen Foto dargestellten Felsen aufgenommen wurde. Die Lawine löste sich bei der kantigen Schwachschicht in Bodennähe, die ca. 10 Höhenmeter oberhalb des Profilstandortes an einer schneeärmeren Stelle ausgeprägter war. Das vollständige Profil findet man hier:

Erhöhte Aktivität von Gleitschneelawinen

Rückmeldungen von unseren Beobachtern sowie von engagierten Wintersportlern bestätigen eine gerade wieder erhöhte Aktivität von Gleitschneelawinen. Gleitschneelawinen können gefährlich groß werden und sind praktisch nicht vorhersehbar. Wir raten deshalb. Bereiche unterhalb von Gleitschneerissen möglichst zu meiden.

Hohes Gefährdungspotential durch Gleitschneelawinen auf steilen Wiesenhängen – Samnaungruppe (Foto: 05.01.2018)

Frische Gleitschneelawine unterhalb des Galzig im Arlberggebiet. Anrissmächtigkeit 2-3m. (Foto: 06.01.2018)

Gleitschneelawine am Weg zum Gaishörndl im Villgratental, Zentralosttirol (Foto: 06.01.2018)

Ebenso erhöhte Gleitschneelawinenaktivität in den Kitzbüheler Alpen (Foto: 05.01.2018)

Auch auf Dächern kann Schnee abgleiten… (Foto: 06.01.2018)

…kurz darauf… (Foto: 06.01.2018)

Zum Teil sehr gute Sprengerfolge

Am 05.01. wurden in Tirol zahlreiche Lawinensprengungen durchgeführt. Die Erfolge variierten von ausgezeichnet bis mäßig. Hier ein paar Impressionen.

Ausgezeichnete Sprengerfolge mit großen Lawinenabgängen im Skigebiet Fiss-Ladis-Serfaus (Foto: 05.01.2018)

Sehr gute Sprengerfolge am 05.01. im Skigebiet Kappl (Foto: 06.01.2018)

Sprengmast samt Lawinenauslösung in der Samnaungruppe (Foto: 05.01.2018)

Es gab immer wieder auch Nieten. Man erkennt mehrere Sprengkrater, Silvretta-Skiarena (Foto: 05.01.2018)

Lawinenabgänge auch innerhalb von Lawinenverbauungen

Immer dann, wenn die Schneedecke besonders störanfällig ist (was beim Durchgang der Warmfront am 04.01. kurzfristig der Fall war), beobachtet man vermehrt Lawinenabgänge innerhalb von Lawinenverbauungen.

Schneebrettlawine innerhalb Verbauung, Nördliche Stubaier Alpen (Foto: 05.01.2018)

Schneebrettlawine innerhalb Verbauung, Hohe Munde, Westliche Nordalpen (Foto: 06.01.2018)

Regeneinfluss

Der intensive Regen hat bis etwa 2300m hinauf seine Spuren hinterlassen.

Beeindruckende Schneestruktur durch Regen im Arlberggebiet. Am Foto erkennt man zudem spontane Lawinen. (Foto: 05.01.2018)

Nach dem Regen findet man häufig Bruchharsch. Mancherorts, inzwischen begünstigt durch warme Temperaturen und Sonneneinstrahlung, ist die Schneeoberfläche am Morgen tragfähig. Es wurde auch schon von Firnverhältnissen berichtet. (Foto:; 08.01.2018)

Ein Bild von der Regenkruste, auf der sich durch Nebeleinfluss Oberflächenreif gebildet hat. Interessant erscheint auch die bereits beginnende aufbauende Umwandlung unterhalb der Kruste (Kristalle auf dem Handschuh). Diese Entwicklung muss sorgfältig weiter beobachtet werden. Wir sind für entsprechende Rückmeldungen samt Ortsangabe sehr dankbar! (Foto: 06.01.2018)

Aktuell…

…weht in der Höhe mancherorts kräftiger Wind, der neuen Triebschnee bildet.

Schneeverfrachtungen in den föhnbeeinflussten Gebieten (Foto: 05.01.2018)